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Rosanvallon, Pierre (2017): Die Gesellschaft der Gleichen. Suhrkamp Verlag Berlin

Zusammenfassung und Rezension der Analyse von Pierre Rosanvallon über Gleichheitsvorstellungen vom späten 18. Jahrhundert bis heute.

Zusammenfassung und Rezension

Pierre Rosanvallon, Professor für Neuere und Neueste politische Geschichte am Collège de France und Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales, analysiert in diesem Band die Gleichheitsvorstellungen vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Er kritisiert die zunehmende Ungleichheit als Bedrohung für die Demokratie und entwickelt im letzten der insgesamt fünf Kapitel Vorschläge, wie die Verteilungs- und Beziehungsgleichheit wiederhergestellt werden kann.

I Die Erfindung der Gleichheit

Seinen Ursprung hat der Gleichheitsgedanke in der amerikanischen und französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. Vorläufer waren das Christentum und das Naturrecht. Nach Apostel Paulus sind vor Gott alle Menschen gleich. Aus naturrechtlicher Sicht sind alle Angehörigen einer Gattung gleichwertige Wesen. Dies gilt auch für Menschen. Weder Christentum noch Naturrecht hatten jedoch Einfluss auf die Gleichheit im sozialen Leben, weil in traditionellen Gesellschaften Identität durch Zugehörigkeit zu stark gegliederten Einheiten (zum Beispiel Adel oder Bauern) hergestellt wurde. Erst Komplexitätssteigerung, Ausdifferenzierung und Heterogenitätssteigerung führten einen Wandel herbei. Dadurch entstand eine Gesellschaft unabhängiger Individuen, für die „Gleichheit an Freiheit“ das zentrale Motiv war. Niemand sollte dem Willen eines anderen unterworfen sein. Nach Pierre-Louis Roederer war der erste Beweggrund der französischen Revolution die „Unduldsamkeit gegenüber Ungleichheiten“.

Diese sollten durch die Gemeinschaft der Bürger überwunden werden. In Bürgerversammlungen, in welchen Menschen unterschiedlicher Stände und Einkommensgruppen zusammenkamen, wurde Gleichheit gelebt.

Ziel der Gleichheit war die Förderung des sozialen Zusammenhalts. Brüderlichkeit sollte die Einheit der Nation erzeugen. Wichtige Beiträge leisteten dazu die Abschaffung der Adelstitel und die Änderung der Umgangsformen wie die Zunahme des Duzens, das vorübergehend sogar zur Vorschrift wurde.

Zur Förderung des Zusammenhalts diente auch die unter anderen von Adam Smith, Montesquieu und Rousseau geäußerte Kritik an Verschwendung, die ebenso wie Luxus dazu diene, getrennte Welten zu erzeugen.

II Die Pathologie in der Gleichheit

Durch die Industrialisierung seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Gesellschaft sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich in Privilegierte und Proletarier gespalten. Ungleichheit in der schlimmsten Form setzte sich durch. Die Arbeiter[1] versanken im Elend. Die liberal-konservative Ideologie machte sie für dieses Elend selbst verantwortlich, indem sie ihnen einen unsoliden Lebenswandel und Trunksucht vorwarf. Als Ursachen wurden auch natürliche Unterschiede und Fähigkeiten angesehen, die als Legitimierung von Ungleichheit dienten.

In der Folgezeit wurde auch Freiheit gegen Gleichheit ausgespielt. Letztere führe zu einer Gesellschaft des Mittelmaßes und des Pöbels, die Nietzsche als „Herde“ verächtlich machte.

Als Gegenbewegung entstand in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Kommunismus, der insbesondere die negativen Konsequenzen der Konkurrenz kritisierte, die die Schwächsten daran hindere, ihre Fähigkeiten zu entfalten und sie den Stärkeren ausliefere.

Die Kernbegriffe des Kommunismus waren Einheit und Brüderlichkeit als Alternativen zu Konkurrenz und Individualismus. Der Beitrag der Ökonomie sollte die Abschaffung des Privateigentums (nicht nur an Produktionsmitteln) sein.

In dieser Zeit entwickelte sich auch der Nationalprotektionismus als Verherrlichung der Nation als homogene Form. Nationalprotektionismus als Wirtschaftsform bedeutete, die nationale Wirtschaft durch Zölle zu fördern. Als Sozialphilosophie wollte er die Spaltung der Gesellschaft aufheben, indem er eine strukturelle Interessengemeinschaft von Industriellen und Lohnarbeitern suggerierte.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sollte die Nation auch gegen ausländische Arbeiter geschützt werden. Es war von „Überflutung“, „Invasion“ und „Unterwanderung“ (172) die Rede - eine Tendenz, die auch von Teilen der republikanischen Linken, der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften übernommen wurde.

III Das Jahrhundert der Umverteilung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzten drei große Reformen ein, die zur Umverteilung führten: die Einführung einer progressiven Steuerreform, der Aufbau von Versicherungen zum Schutz vor Lebensrisiken und die Akzeptanz von Organisationen zur Vertretung der Arbeiterinteressen.

Eine progressive Einkommensteuer wurde zunächst 1891 in Deutschland eingeführt. Die USA, England und Frankreich folgten wenig später. Die Steuersätze lagen sehr niedrig zwischen 0,5 und 4 %. Nach dem Ersten Weltkrieg stiegen sie zum Teil massiv an, in den USA bis zu 94 %. Hintergrund hierfür war ebenso wie für die Einführung von Sozialversicherungen durch Bismarck die Angst vor einem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Durch Reformen sollte der Sozialismus verhindert werden. Aus diesem Grund wehrten sich Sozialisten und Kommunisten zunächst gegen diese Reformen, die sie als Revisionismus bekämpften. In der Sozialdemokratie siegte jedoch schließlich der Reformismus.

Zu einem veränderten Verständnis des Sozialen trug auch die aufstrebende Soziologie bei, indem sie die gesellschaftlichen Hintergründe für individuellen Erfolg und Misserfolg analysierte und dadurch die individuelle Verantwortung relativierte.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es aber auch zu einem Wiederaufleben des Nationalprotektionismus, der zu Beginn des Jahrhunderts durch den redistributiven Sozialstaat abgelöst worden war. Herausragende Beispiele sind der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Periode der ausgrenzenden Homogenität beendet und es begann eine Periode sozialer Umverteilung, die nicht nur von Sozialisten, sondern auch von christlich-konservativen Parteien gefordert wurde. Es entwickelte sich zugleich eine größere Gleichheit innerhalb der Industrieunternehmen durch Einschränkung der Macht von Aktionären und Firmenleitern.

IV Der große Gegenschlag

Durch die zweite Globalisierung kam es in den achtziger Jahren zu einem (teilweisen) Rückfall ins 19. Jahrhundert, zum Beispiel zu pathologischen Formen der Identität und des sozialen Zusammenhalts, die wieder nationalistische Formen annahmen.

Rosanvallon sieht darüber hinaus drei strukturelle Gründe für den Umschwung: die unvermeidliche Moralkrise der Sozialinstitutionen, die Entstehung eines neuen Kapitalismus und die Metamorphosen des Individualismus.

Das Sozialversicherungssystem basierte auf der Annahme von gleichen Risiken für alle. Die Rückkehr von Armut mit dauerhafter Arbeitslosigkeit und die Erkenntnis, dass zum Beispiel Gesundheit nicht nur von Zufällen abhängt, haben zu einer Aushöhlung des Solidaritätsprinzips geführt. Sloterdijk hat dies wie folgt formuliert: „Der Wohlfahrtsstaat wiederum stehe für die Aufrechterhaltung eines Zustandes, in dem die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben…“ (258).

In der Gesellschaft der Singularität hat sich auch die Ökonomie verändert. Neben einer Aufwertung der Rolle von Aktionären hat sich das Arbeitsleben verändert. Der fordistische Massenarbeiter ist dem „Rückgriff auf die kreativen Potenzen des Einzelnen gewichen…“(260). Und die Arbeit ist „personenspezifischer“ geworden. Arbeiter*innen müssen heute in der Lage sein, Initiativen zu ergreifen, auf Unvorhergesehenes zu reagieren und Verantwortung zu übernehmen. Sie müssen eigene Ressourcen mobilisieren und Aufgaben selbständig erledigen.

Parallel zu den Änderungen in der Arbeitsorganisation hat sich der Individualismus verändert. Während im 18. und 19. Jahrhundert das juristische Subjekt mit Handlungsfreiheit, gleichem Wahlrecht und Mitgliedschaft im Souverän im Mittelpunkt stand und sich zu einem „Individualismus der Gleichheit“ (Simmel, 263) entwickelte und als „Individualismus des Universellen“ zugleich Produzent des Sozialen war, entwickelte er sich unter den veränderten Bedingungen zu einem „Individualismus des Singulären“ (267).

Dieser entstand aus einem „Individualismus der Distinktion“ (267) als Vorläufer, der im Wesentlichen auf Künstler beschränkt war. Gabriel Tarde (267) bezeichnet ihn als „Herrschaft der Mode“ im Gegensatz zur „Herrschaft des Brauchs“. Dieser Individualismus zielt nicht mehr auf Gleichheit wie im Zeitalter der Loslösung von Adel und Zünften, sondern darauf, einzigartig zu sein und dem Ehrgeiz, von anderen in seiner Besonderheit anerkannt zu werden.

Die traditionelle Marktgesellschaft hat sich zu einer radikalen Konkurrenzgesellschaft weiter entwickelt. Gleichheit bedeutet in dieser Gesellschaft nur, das Spielfeld der Konkurrenz zu betreten, in welcher der Sport als Musterbeispiel für Chancengleichheit gesehen wird. Der Wohlfahrtsstaat wird dagegen beschuldigt, durch Überversorgung die Abschaffung individueller Verantwortung zu betreiben.

Die Idee der Chancengleichheit basiert auf dem meritokratischen Ethos, das den demokratischen Individualismus von Anfang an geprägt hat. Umverteilung und Egalitarismus werden in diesem Konzept diskreditiert, obwohl radikale Chancengleichheit eigentlich bedeutet, Privilegien wie ererbte Ressourcen abzuschaffen.

Es ist der Ideologie der totalen Konkurrenz jedoch nicht gelungen, ein positives Bild einer akzeptablen Weltordnung zu vermitteln, weil die realen Verhältnisse der kapitalistischen Wirtschaft weit davon entfernt sind, dem Vorbild eines geregelten sportlichen Wettkampfes zu entsprechen. Die massiven Einkommenssteigerungen für Topmanager*innen oder Künstler*innen und Sportler*innen sind nicht durch Marktgesetze zu erklären, sondern hängen mit Intrigen, Machtverhältnissen, Manipulation und auch mit Korruption zusammen. Dies gilt ebenso für die massiven Gewinne an den Finanzmärkten.

V Die Gesellschaft der Gleichen (Erster Entwurf)

Aus der Analyse der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zieht Rosanvallon für die Gleichheit in der zukünftigen Gesellschaft die Konsequenz, im Unterschied zur Singularität die sozialen Beziehungen wieder stärker zu berücksichtigen und insbesondere Statusunterschiede zu vermeiden. Singularität, Reziprozität und Kommunalität lauten die Schlüsselbegriffe, auf deren Grundlage die Gesellschaft der Gleichen fortan zu denken sei.

Singularität bedeutet für Rosanvallon nicht die Tendenz, sich von der Gesellschaft zu distanzieren (im Sinne eines privatistischen, separatistischen Individuums), „sondern begründet vielmehr die Erwartung auf Reziprozität, auf wechselseitige Anerkennung“ (307).

Für Reziprozität ist die paritätische Beteiligung am gesellschaftlichen Leben wichtig, die besonderen Wert auf die Gleichheit von Rechten und Pflichten für alle legt.

Wenn das Gefühl von Aufkündigung von Reziprozität entsteht, kommt es zum offenen oder stillschweigenden Rückzug. Das Empfinden von aufgekündigter Reziprozität richtet sich vor allem gegen die beiden Enden der gesellschaftlichen Hierarchie. Den Reichen wird vorgeworfen, sich nicht ihren Möglichkeiten entsprechend an allgemein geltenden Verpflichtungen zu beteiligen, zum Beispiel durch Steuerhinterziehung. Dem anderen Ende der Hierarchie wird vorgeworfen, sich unrechtmäßig Vorteile zu verschaffen. Die politischen Rechten heizen diese Gefühle durch Parolen auf, die gegen privilegierte Eliten Stimmung machen und am anderen Ende die Immigrant*innen beschuldigen, Hauptnutznießer*innen der nationalen Solidarität zu sein.

Für die Politik ist es deswegen notwendig, die Reziprozität wiederherzustellen, zum einen durch eine grundlegende Revision der Solidarmechanismen, zum anderen durch eine Rückkehr zu universalpolitischen Maßnahmen. Daneben ist es auch notwendig, den betrügerischen Umgang mit dem Steuersystem und Sozialleistungen entschieden zu verfolgen.

Kommunalität im Sinne von Beziehung zu Mitbürger*innen ist in der amerikanischen und französischen Revolution entstanden. Heute ist festzustellen, dass sich dieser Sinn für Gemeinsamkeit zurückentwickelt hat. Das führt Rosanvallon unter anderem auf die Sezession der Reichen zurück, die sich durch Rückzug in gated communities und durch Steuerflucht der Gemeinschaft entzogen haben. „Damit bricht das Zeitalter des homo munitus an, des abgeschotteten Menschen, der sich in ein Milieu zurückzieht, wo die Gleichgesinnten unter sich sind“ (331).

Die Gesellschaften sind heute zum Teil hinter die Revolutionen Ende des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt, wo anstelle des demokratischen Staatsbürgers der Besitzbürger im Mittelpunkt stand. Rosanvallon hält es für notwendig, diese Entwicklung wieder umzukehren, indem ein neuer komplexer Begriff des Gemeinsamen entwickelt wird. Darunter versteht er drei Dimensionen: das partizipative Gemeinsame (zum Beispiel Sportveranstaltungen oder Karnevalsumzüge), das Gemeinsame der Reflexion (Teilhabe am selben Informationsfluss und das gemeinsame gegenseitige Verstehen durch geteiltes Wissens) sowie das Gemeinsame der kollektiven Nutzung des gemeinsamen Raumes in Verkehrsmitteln, auf Plätzen und Wegen. Letzteres würde die Abschaffung der gated communities als separatistischen Ghettos bedeuten.

Eine neue Ökonomie der Gleichheit muss durch die Verknüpfung der drei Prinzipien Singularität, Reziprozität und Kommunalität geschaffen werden. Dazu müssen die Elemente bekämpft werden, die Gleichheit strukturell in ihrer Existenz bedrohen: „soziale Reproduktion, Maßlosigkeit und Separation“ (350)

Soziale Reproduktion geschieht durch Weitergabe von Ungleichheit produzierenden Faktoren (Reichtum oder Armut) an die nächste Generation. Maßlosigkeit als weiteres destruktives Merkmal muss schon aus ökologischen Gründen bekämpft werden, weil eine grenzenlose Expansion nicht nur Ungleichheiten verstärkt, sondern auch die Lebensgrundlagen zerstört. Eine Möglichkeit hierzu ist zum Beispiel der Ausbau von Gemeingütern im öffentlichen Raum.

Sezession und Separatismus müssen unter anderem durch eine aktive Stadtpolitik im Hinblick auf eine Vermehrung öffentlicher Räume und eine stärkere soziale Durchmischung der Bevölkerung reduziert werden.

Ziel darf nicht nur eine Gesellschaft der Gleichen sein sondern diese muss auf die Welt der Gleichen ausgedehnt werden.

Diskussion

Rosanvallon liefert einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von Gleichheit und Ungleichheit seit Ende des 18. Jahrhunderts. Seine Analyse der theoretischen, ökonomischen und sozialen Hintergründe gibt wichtige Erkenntnisse und Hinweise für die Einschätzung der aktuellen Situation.

Hier ist insbesondere auf die Entwicklung von Gleichheitsvorstellungen und Nationalismus zu verweisen. Wenn unter Gleichheit nicht nur Gleichheit an Rechten und Einkommen verstanden wird, sondern eine zu große Homogenität von Gruppen gefordert wird, ist die Gefahr von Diskriminierung und Ausschluss von Menschen, die diesen Ansprüchen nicht genügen sehr groß wie die Diskussion über Flüchtlinge und Migration zeigt.

Eine Lösung kann nur darin bestehen, ein positives Verhältnis von Individualismus, Vielfalt und Gleichheit zu entwickeln. Hierzu können Rosanvallons Vorschläge zur Verbesserung der Beziehungsgleichheit wichtige Beiträge leisten. Dies gilt auch für seine Vorschläge zur Verbesserung ökonomischer Gleichheit. Hier ist vor allem auf die Forderung nach Abschaffung von sozialer Reproduktion und Maßlosigkeit zu verweisen. Letztere schafft auch eine Brücke zur aktuellen Diskussion um Klimagerechtigkeit. Weltweite Gleichheit kann einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

 

[1] Im Text wird nur die männliche Form verwendet. Da im 19. Jahrhundert weibliche Industriearbeiterinnen selten waren und diese als Bürgerinnen wenig Rechte hatten, wird hier für diese Zeit auch nur die männliche Form wiedergegeben.


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