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Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht

Rezension zu Rosa Lyon: Mehr als Geld. Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht. Wien, Brandstätter Verlag, 2026

Die aus Österreich stammende Autorin ist studierte Ökonomin und Journalistin, die als Moderatorin für Radio und Fernsehen arbeitet. Die im Buch angeführten Beispiele beziehen sich sowohl auf Österreich als auch auf Deutschland.

Einleitend begründet die Verfasserin mit dem Beispiel Pakistan, das es auch staatliche Ungleichheiten gibt, die das soziale Leben der Menschen in erheblichem Maße beeinflussen. Dort haben viele Menschen nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser, das für uns selbstverständlich ist. Nur wenige Familien sind reich und mächtig, während Millionen Menschen mittellos sind und ohne Sozialstaat große Kosten für Sicherheit und körperliche Unversehrtheit haben. In Zeiten großer Ungleichheit sind Sozialversicherungen entstanden, weil für die Reichen die Gefahr groß wurde , dass die Armen ihnen etwas wegnehmen.

In der folgenden Zusammenfassung werden vorwiegend diejenigen Aspekte von Ungleichheit berücksichtigt, die in der aktuellen Diskussion eher weniger behandelt werden. Andere Themen wie die historische Entwicklung von Ungleichheit und die philosophischen Hintergründe sind jedoch ebenfalls lesenswert.

Im Schlusskapitel greift die Verfasserin das Thema staatliche Ungleichheit wieder auf, indem Sie darauf verweist, dass viele Länder des Südens sowohl aus ökonomischen wie vor allem klimatischen Gründen keinen Anschluss an die Entwicklung der Länder des Nordens gefunden haben, welche die Hauptverantwortung für die Zerstörung der ökonomischen Basis im Süden durch Dürren, Hitze und Überschwemmungen tragen und dadurch auch Migration erzwingen.

Dimensionen der Ungleichheit

Im Jahr 2008 wurde in Frankreich die „Commission sur la mesure de la performence économique et du progrès sociale“ unter dem Vorsitz des amerikanischen Ökonomen Joseph Stiglitz gegründet, an welcher unter anderem auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen beteiligt war. Diese Kommission plädiert dafür, Wohlstand und Lebensqualität nicht nur an der Höhe des Einkommens, sondern an einer Reihe von ökonomischen, sozialen und ökologischen Indikatoren zu messen:
„1. Materieller Lebensstandard (Einkommen, Konsum und Vermögen);
2. Gesundheit;
3.  Bildung;
4. Persönliche Aktivitäten, einschließlich Arbeit; 
5. Politische Stimme und Steuerung; 
6. Soziale Verbindungen und Beziehungen;
7. Umwelt (gegenwärtige und zukünftige Bedingungen);
8. Unsicherheit, sowohl wirtschaftlicher als auch physischer Natur.
Einige dieser Dimension werden im Folgenden referiert und diskutiert“ (75).

Einkommen, Vermögen und Leistung

Lange Zeit wurde Vermögen als Resultat des Einkommens betrachtet. Dies trifft heute jedoch wegen wirtschaftlicher Veränderungen nicht mehr zu, weil Erbschaften und Kapitalrenditen eine immer größere Rolle spielen. In den Jahren 1955 bis 2018 hat sich in Deutschland das Verhältnis von Vermögen zu Einkommen mehr als verdreifacht. Der Anteil des Vererbten im Vergleich zum Erarbeiteten ist erheblich angestiegen. Ironisch formuliert stellt die Verfasserin fest: „Arbeit lohnt sich immer weniger“64). Leistungslose Einnahmen wie Erbschaften und Zinsen spielen eine immer größere Rolle.

Wirtschaftliche Begriffe wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eignen sich nur noch sehr begrenzt, als Indikatoren für Wohlstand, weil außer der gestiegenen finanziellen Ungleichheit auch Umweltkosten nicht ausreichend berücksichtigt werden. 

Zur Ungleichheit trägt auch die staatliche Infrastruktur bei. weil zum Beispiel Straßen Haus- und Fabrikeigentümer*innen kostenlos fördern.

Der Staat hat außerdem in der Finanzkrise 2008 die Banken unterstützt und dadurch das Vermögen der Reichen gerettet. Einen weiteren Beitrag zur Steigerung der Ungleichheit leistet er durch Schulden, weil dadurch Reiche Zinsen erhalten und eine Umverteilung von unten nach oben stattfindet.

Soziale Folgen von Ungleichheit

Während insbesondere neoliberale Ökonomen Ungleichheit als Anreiz für Leistung sehen, haben Sozialwissenschaftler*innen zahlreiche negative Folgen festgestellt. Schon vorwiegend auf Arbeit und Konsum konzentrierte Steuersysteme reduzieren die staatlichen Investitionen in Bereiche wie Bildung und Gesundheit, weil durch sie hohe Einkommen und Vermögen nicht angemessen besteuert werden und verstärken dadurch die Benachteiligung einkommensschwacher Menschen.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gilt, dass Kinder von Eltern ohne Universitätsabschluss sehr viel geringere Chancen auf einen eigenen Universitätsabschluss haben. Sie werden jedoch nicht nur im Bildungssystem benachteiligt, sondern auch durch erhebliche negative gesundheitliche Folgen. Sogar die Selbstmordrate ist in dieser Schicht wesentlich höher als im Durchschnitt. Michael Sandel hat die negativen Folgen des Meritokratischen Prinzips: „Wer arbeitet, kann alles erreichen“(131) untersucht und zwei große Probleme festgestellt: Im echten Leben bekommen nicht alle, was sie verdient hätten, und außerdem leiden die Verlierer*innen unter Beschämung und Demütigung.

Diskussion über Umverteilung

Abschließend plädiert die Verfasserin für eine intensive Diskussion über Umverteilung, die sich nicht nur mit Zahlen befassen sollte: „Es ist entscheidend, nicht nur Zahlen zu senken oder zu erhöhen, sondern die Lebensrealitäten zu verbessern“ (162) „Verteilung muss immer im Kontext historischer, sozialer, politischer und geopolitischer Entwicklungen betrachtet werden“ (163).


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