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Harald Welzer: Zeiten Ende. Politik ohne Leitbild. Gesellschaft in Gefahr

Der Verfasser des im Fischer Verlag erschienenen Buches "Zeiten Ende" ist Sozialpsychologe und Direktor der FUTURZWEI-Stiftung sowie des Norbert-Elias-Centers für Transformationsdesign an der Europa Universität in Flensburg. Zentrales Thema des Buches ist die soziale Spaltung der demokratischen Gesellschaft. In 10 Kapiteln untersucht er die Ursachen und schlägt Lösungen vor, die insbesondere der Bekämpfung des Rechtspopulismus dienen.

Im 1. Kapitel diagnostiziert Welzer einen sinkenden Organisationsgrad der Menschen in Deutschland, der sich u.a. bei Kirchen bemerkbar macht. Die Ursache sieht er im Prozess der Individualisierung, die nicht nur ein Verlust an Zugehörigkeit zu Gemeinschaften ist, sondern ein Zeichen von Emanzipation und Eigenständigkeit in der Wahl von Lebensformen.

Diese Freiheit führt jedoch nicht zur Steigerung des Gemeinwohls der Mehrheit, weil sie mit dem Aufstieg des Neoliberalismus nur den finanziell Starken und organisatorisch Mächtigen Vorteile verschafft hat, während die Ärmeren und schlechter Organisierten benachteiligt wurden. Dementsprechend haben Befragungen ergeben, dass eine wachsende Zahl von Menschen die soziale Schicht, Einkommen und Vermögen sowie Herkunft als Ursachen für den schwindenden Zusammenhalt in der Gesellschaft sehen.

In einem späteren Kapitel wird der amerikanische Philosoph Michael Sandel zitiert, der die Folgen des Neoliberalismus präzise beschrieben hat: In der Reagen-Ära habe der in den USA die demokratische Kultur dadurch geschädigt, dass nicht mehr der Staat als ordnende Instanz der öffentlichen Angelegenheiten fungiere, sondern der Markt und insbesondere der Finanzmarkt diese Aufgabe übernommen habe. Das habe bei Menschen, die nicht zur Elite zählten zu einem wachsenden Gefühl der Entmachtung geführt.

„Wenn die Vorstellung, >>die da oben<< würden sich für den Rest der Gesellschaft nicht mehr interessieren, keine zu schlechte Weltsicht mehr ist, sondern die Wirklichkeit abbildet, gerät die Demokratie ins Rutschen“ (258).

Dieser Wandel hat auch dazu geführt, dass bei repräsentativ Befragten ein immer größerer Teil den gesellschaftlichen Zusammenhalt für schwach hält. Eine Förderung des Zusammenhalts könne durch Bekämpfung von Hass und Mobbing im Internet, durch Förderung von Chancengleichheit und durch Förderung von Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber Minderheiten und Schwächeren geschehen.

„Zeitenwenden“ sollten nach Ansicht des Verfassers nicht in vergleichsweise kleinen Problembereichen, sondern in einer grundlegenden und längerfristigen Veränderung der Überlebensbedingungen der Menschen gesehen werden. Diese werden zu imperialistisch motivierten Landnahmen und Kriegen führen, weil bewohnbares Land mit lebensdienlichen klimatischen Verhältnissen geringer wird. Der Weltfrieden kann nur durch Frieden mit der Natur erreicht werden. „Die wirkliche Zeitenwende ist definiert durch die Neuartigkeit des Überlebensproblems“ (38). In der >>neuen Zeit<< bilden Aufrüstung und Militarisierung die Staatsraison. Autoritär und diktatorisch regierte Staaten haben keine Probleme damit, andere Länder für die notwendige Landnahme zu überfallen, weil sie einer partikularen anstelle einer universalistischen Moral folgen. „Ihre Solidarität gilt nur den eigenen Leuten, den Zugehörigen“ (59).

Durch die Produktion von Kriegsmaterial und die kriegerische Zerstörung sowie ihre Beseitigung wird ein erheblicher Aufwand an Materialverbrauch und Energie erzeugt, der den Klimawandel weiter antreibt. Nötig wäre stattdessen ein aufgeklärter Pazifismus, der nach Albert Einstein zu einem bedingungslosen Verzicht der einzelnen Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfähigkeit und Souveränität erreicht werden kann.

Welzer ergänzt dies durch den moralischen Imperativ von Rückzug und Verzicht zum Beispiel in der Energie- und Verkehrspolitik. Ohne die Zerlegung von Schlüsselindustrien wäre sie nicht weniger bedrohlich als eine Einheitspartei.

Anstelle des moralischen Imperativs des Verzichts herrscht jedoch nach wie vor eine Leitkultur der Verschwendung. Diese muss durch eine sozial gerechte und ökologisch aufgeklärte Gesellschaft ersetzt werden. „Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die daran hängenden zivilisatorischen Güter gibt es nur, wenn die naturellen Überlebensbedingungen sie weiterhin gewährleisten“ (197).

Wenn Demokratie und Zukunftsfähigkeit gefördert werden sollen, dürfen Kinder und Jugendliche als die >>verletzlichste Gruppe<< nicht vernachlässigt werden. Armut, Bildungsnachteile, Einsamkeit und Hilflosigkeit haben nach Klaus Hurrelmann während der Pandemiezeit dazu geführt, dass diese Gruppe für populistische Politikangebote besonders empfänglich ist. Um das zu ändern ist eine Verbesserung der Bildungschancen von Kindern aus unteren Gesellschaftsschichten dringend erforderlich.

Im abschließenden Kapitel: >>Welches Land wollen wir sein? Oder: Orte des Zusammenhalts<< stellt Welzer Handlungsmöglichkeiten für eine vitale Demokratie dar. 
Ein wichtiger Ort für die Vergemeinschaftung unterschiedlicher sozialer Gruppen ist die Schule, die durch umliegende Einrichtungen wie Volkshochschule und Jugendzentren zu einem Treffpunkt unterschiedlicher sozialer Gruppen werden kann.
Eine Gruppe von Studierenden des Verfassers an der Uni Sankt Gallen hat Vorschläge zur „Zukunft der Solidarität“ erarbeitet, die als Ort 2: 80/20 bezeichnet wird. Kern dieser Idee ist, dass mindestens 20% der Ausbildungs- und Arbeitszeit für ehrenamtliche Tätigkeit zur Verfügung stehen sollen: vom Kindergarten bis zum Ruhestand.

Um diese Idee zu realisieren, muss der Staat die 20% durch Steuergelder an Arbeitgeber*innen und Unternehmer*innen finanzieren. „Der Charme der 80/20 Idee liegt darin, dass ein Gegenmodell zur individualistischen Wettbewerbskultur entworfen wird, das nichtmonetäres Engagement für andere als ganz selbstverständlichen Teil des Alltags und der Lebenswelt vorsieht“ (263).

Das 80/20 Modell betrifft den ganzen Lebenslauf. In der Kindheit kann es gemeinsame Besuche in Seniorenheimen beinhalten, in welchen Aktivitäten wie Kochkurse gegen Lebensmittelverschwendung, Gärtnern und Musikunterricht durchgeführt werden können.

In der Lebensmitte werden die Beschäftigten für solidarische Tätigkeiten und ehrenamtliches Engagement freigestellt. Im letzten Drittel kann ehrenamtliches Engagement den Betroffenen das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden und im ständigen Austausch mit anderen zu stehen.

Als weiteres Beispiel wird die Durchsetzung eines politischen Leitbildes angeführt, das die bestehende Ungleichheit nicht vertieft, sondern eine nachhaltige Gesellschaft schafft, die sich von der Leitkultur der Verschwendung verabschiedet. Dies geht auch, wenn sich nicht alle Nationen davon daran beteiligen, sondern man zumindest allein damit anfängt.

Im Epilog weist Welzer daraufhin, dass die AfD ohne eigene Leistung immer mehr Zustimmung in der Gesellschaft erfährt, weil die Eliten sich zu sehr von der Mehrheitsgesellschaft entfernt haben. „Dass diese Entfernung besteht, ist keine teuflische Erfindung des Rechtspopulismus, der mit den Kampfbegriffen der >>Normalität<< und der >>normalen Leute<< operiert. Sondern eine soziale Tatsache“ (283).

Diskussion 

Welzer macht im vorliegenden Band die zunehmende Spaltung der Gesellschaft durch die Umsetzung der neoliberalen Ideologie deutlich: Die Demokratie wird durch die Herrschaft der Finanzmärkte abgebaut und benachteiligt die Angehörigen einkommens-und vermögensarmer sozialer Schichten. Diese Spaltung fördert den Rechtspopulismus mit seiner Kritik an der abgehobenen Elite. 

Die vorgeschlagenen Möglichkeiten wie die Förderung von Bildungseinrichtungen für Angehörige aller sozialer Schichten und ihre gemeinsame Tätigkeit in ehrenamtlichen Projekten fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch wenn das 80/20 Modell nicht sehr schnell umgesetzt werden kann, ist die Entwicklung von Projekten möglich, die Solidarität mit Benachteiligten fördern und damit dem Rechtspopulismus entgegenwirken.

Die Durchsetzung des Leitbildes einer nachhaltigen Gesellschaft ist unerlässlich, weil nur dadurch Lebensbedingungen geschaffen werden, die kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden.


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