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Die Lochkarte und die Cloud

Wie die Big Tech den autoritären Umbau betreiben – und warum uns das alle angeht

Die Lochkarte war aus Karton, 187 mal 82 Millimeter, und sie konnte sortieren. Die Deutsche Hollerith-Maschinen-Gesellschaft, eine Tochter der amerikanischen IBM, lieferte sie ab 1933 an das Reich: für Volkszählungen, Rüstungslogistik, Erfassungslisten. Die Technik sei neutral, hieß es. Sie zähle nur.

Neunzig Jahre später steht die Sortiermaschine nicht mehr im Statistischen Reichsamt. Sie steht in den Rechenzentren von Amazon, Microsoft und Google – und sie gehört einer Handvoll Männern, die aus ihrer Verachtung für die Demokratie kein Geheimnis mehr machen.

Peter Thiel, Milliardär, Palantir-Gründer und Förderer des amtierenden US-Vizepräsidenten, schrieb schon 2009, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Sein Geschäftsführer Alex Karp verkündet im Manifest „The Technological Republic" die kulturelle Überlegenheit des Westens: Einige Kulturen hätten den Fortschritt ermöglicht, andere sich als rückschrittlich erwiesen; der „Versuchung eines leeren Pluralismus" sei zu widerstehen. Wo demokratische Verfahren zu langsam arbeiten, sollen digitale Infrastrukturen übernehmen. Man muss das nicht deuten. Es steht im Klartext da.

Wie das praktisch aussieht, ließ sich am 20. Januar 2025 besichtigen. Am Tag seiner zweiten Amtseinführung machte Donald Trump den reichsten Mann der Welt zum faktischen Leiter einer Behörde namens „Department of Government Efficiency". Unter dem Etikett der Effizienz wurden Datenbanken zusammengeführt, Beamte auf Linientreue geprüft, Unliebsame entfernt. Der Philosoph Rainer Mühlhoff nennt das in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" beim Namen: faschistoide Methoden, die ihren historischen Vorbildern nicht gleichen – und gerade deshalb früh erkannt werden müssen. Er erinnert daran, dass schon der alte Faschismus die Verwaltung mit der modernsten Datentechnik seiner Zeit übernahm. Die Lochkarte, siehe oben.

Was geht uns das an, diesseits des Atlantiks? Alles. Dieselben Konzerne bestimmen längst, wie wir arbeiten, lernen, einkaufen und uns informieren. Deutsche Ämter schreiben ihre Akten in Microsoft-Programmen, Schulen unterrichten auf amerikanischen Plattformen, Krankenhäuser lagern Patientendaten in fremde Clouds aus. Was einmal Daseinsvorsorge hieß – Post, Wasser, Wissen –, heißt heute Geschäftsmodell. Wer die Infrastruktur besitzt, bestimmt die Bedingungen des öffentlichen Lebens. Die hessische Polizei schnüffelt seit Jahren mit Analysesoftware von Palantir – jener Firma, deren Chef den leeren Pluralismus beklagt. Und wer die Algorithmen kontrolliert, entscheidet mit, was wir für wahr halten, welche Nachricht uns erreicht und welche versickert. Die Übernahme von Twitter durch Elon Musk war kein Kauf, sondern eine Machtergreifung im Meinungsmarkt.

Das Bedrohliche daran ist nicht die Technik. Künstliche Intelligenz könnte Arbeit erleichtern, Wissen öffnen, Pflege und Klimaschutz stärken. Bedrohlich ist die Eigentumsfrage: dass über diese Werkzeuge eine kleine Gruppe verfügt, deren Vordenker die Demokratie für ein Auslaufmodell halten und den Staat durch „sorgende" Konzerne ersetzen wollen. Fürsorge, versteht sich, gegen Gebühr, ohne Wahlrecht und ohne Kündigungsfrist. Faschismus und Profitinteresse schließen einander nicht aus; sie haben schon einmal gut zusammengearbeitet.

Es regt sich Widerstand. Die Kampagne „Beyond Big Tech" fordert, Macht über Daten und Technologie zu dezentralisieren und zu demokratisieren. Global Justice Now ruft zum Kampf gegen die „Big Tech Empires". Die Forderungen liegen auf dem Tisch: Monopole entflechten, notfalls zerschlagen. Digitale Grundversorgung – Netze, Clouds, Basis-KI – in öffentliche, gemeinwohlorientierte Hand. Digitale Rechte als soziale Rechte begreifen. Dazu gehört, die europäische Abhängigkeit von den Konzernen planvoll zu verringern, statt sie in jedem Digitalpakt zu vertiefen. Das ist keine Maschinenstürmerei, kein Kulturpessimismus. Es ist die alte Machtfrage in neuem Gewand.

Die Lochkarte konnte nur sortieren. Was sortiert wurde, entschieden andere. Genau so steht’s mit der KI. Die Frage war nie, was die Maschine kann. Die Frage ist, wem sie gehört.

Der Beitrag ist auch im Attac Rundbrief 3/2026 erschienen.


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