Von Dr. Eva-Maria Hubert

Impulsreferat im Rahmen vom Stuttgarter „Open Fair“

am 31.01.2009, für die Attac-Homepage aktualisiert und gekürzt

am 26.2.2010

 

Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird vor allem hinsichtlich ihrer monetären und wirtschaftlichen Ursachen und Folgen diskutiert. Kaum Erwähnung finden dagegen soziale und politische Risiken. Doch gerade die sozialen und politischen Risiken sind erheblich. Hannah Arendt warnt uns vor ihnen eindringlich: "Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen und auf nichts mehr Verlass ist." (aus: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, dt.:1955). Die gefährliche soziale Polarisierung zwischen vielen Verlierern und wenigen Gewinnern zeigt sich bereits in Gestalt sozialer Unruhen und Straßenkämpfen etwa in Griechenland und den USA. Ferner deutet die massive Spekulationstätigkeit, welche offenbar gerade gegen weitere europäische Länder einsetzt, auf neue politische und soziale Problemherde.


Der Interventionswettlauf, den wir im Moment weltweit beobachten, der die öffentlichen Kassen bis aufs Äußerste anspannt und ganze Länder an den Rand der Insolvenz treibt, kann wohl auch damit erklärt werden, dass sich die politischen Eliten gerade der politischen und sozialen Risiken sehr bewusst sind. Dabei spielt der Bürger eine noch passive Rolle; allerdings werden die Bürger als "Finanzier letzter Hand" am Ende die monetären und gesellschaftlichen Kosten zu tragen haben. Und nur eine Minderheit wird als Inhaber von Staatstiteln von der hohen Staatsverschuldung möglicherweise profitieren und längerfristig Renten beziehen können. Zu befürchten steht, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht.


Die Bewältigung der Krisen und deren Folgen ist eine riesige zivilisatorische Herausforderung für uns alle. Es ist an der Zeit, dass die Bürger zivilgesellschaftlich tätig werden, ihre Visionen (wie sie beispielsweise in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommen) und ihre Kreativität einbringen und eigene Beiträge der Gegensteuerung ausprobieren. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Im Geld- und Finanzbereich zählen dazu die praktizierten Versuche mit komplementären Währungen und komplementären Banken.


Als Beispiele von komplementären Währungen sind zu nennen:

Im gewerblichen Bereich Unternehmenswährungen, die es als Punkte-Karten, Taler, Bonussysteme u.ä. bereits in großem Umfang gibt. Interessant ist auch der Vorschlag der "Terra", einer gewerblichen Währung, die mit Rohstoffen gedeckt ist und zum internationalen Austausch eingesetzt werden kann, denn sie weist über ihre Deckung antizyklische Eigenschaften auf und lässt sich vielfältig gestalten.

Zivilgesellschaftliche Beispiele sind Zeitwährungen. In Deutschland gibt es über 400 Tauschringe und Lets-Systeme (Lets = local exchange and trade system), ferner Pflege- und Bildungswährungen sowie Regionalgelder. Bundesweit laufen mehr als zwei Dutzend Regionalgelder schon um, drei Dutzend weitere befinden sich in Vorbereitung. Regionalgelder dienen der regionalen Wirtschaftsförderung kleiner und mittlerer Unternehmen und wollen die Kaufkraft länger in der Region halten. In krisenhafter Entwicklung leisten sie ferner einen Beitrag zur Sicherung der Grundversorgung der Bevölkerung aus der Region und bieten ein paralleles Zahlungssystem an. Ökonomisch interessant macht sie, dass sie die erwirtschafteten Überschüsse dem Gemeinwesen zur Verfügung stellen, also Gewinne sozialisieren, und damit einen Gegenentwurf zur Sozialisierung der Verluste darstellen.


Komplementäre Banken verfolgen ein etwas anderes Geschäftsmodell als übliche Geschäftsbanken und vergeben Kredite ohne Zinsen oder zu günstigen Zinssätzen.

Die schweizerische WIR-Bank, 1934 als gewerbliche "Barter-Genossenschaft" gegründet, deren Verrechnungsstelle 1936 Bankenstatus erhielt, öffnete sich im Jahre 2000 breiteren Kundenkreisen und bietet in den letzten Jahren neue Produkte an. Sie verzeichnete 2005 mehr als 60 000 Mitglieder, im Jahre 2008 mehr als 100 000 Mitglieder und kann ihre Stärken beim unternehmerischen Liquiditätsmanagement antizyklisch ausspielen.

Die skandinavischen JAK-Banken setzen eher auf der Verbraucherseite an. 1965 wurde in Schweden die erste JAK-Genossenschaft gegründet, die Verrechnungstelle erhielt Ende der 90er Jahre Bankstatus. Es handelt sich um eine private Spar- und Leihgemeinschaft auf Gegenseitigkeit, der Zeitablauf wird über ein Punktesystem, wie wir es ähnlich aus dem deutschen Bausparwesen kennen, einbezogen. In Stuttgart gibt es seit einigen Jahren die oZB, die ohne-Zins-Bewegung, eine private Spar- und Leihgemeinschaft nach dem Vorbild der JAK-Banken.

Die britische Zeitbank, eine Weiterentwicklung der Zeitwährungssysteme, erlaubt Zeitguthaben anzusparen und bei Bedarf abzurufen. In München bereitet eine Initiative gerade eine solche Zeitbank vor.

Als weitere Beispiele können etwa die GLS-Bank, die Oikokreditbank und eingeschränkt auch Mikrokreditbanken angesehen werden.


Die aktuellen Krisen und ihre Folgen sind verantwortungsvoll nur durch eine sehr, sehr große zivilisatorische Leistung zu bewältigen. Dabei kann und muss die Zivilgesellschaft eigene Gestaltungsbeiträge leisten, die in Richtung eines weitsichtigen und nachhaltigen Wirtschaftens gehen. Komplementäre Währungen und Banken sind ein solcher Gestaltungsbeitrag.