I Welche Krise denn?

Es ist weithin unstrittig, dass eine wesentliche Ursache für den Ausbruch der globalen Krise im Jahr 2008 die deregulierten Finanzmärkte waren. Allerdings können diese Finanzmärkte nur im Rahmen des gesamten Wirtschaftssystems angemessen verstanden werden. So war ihre Deregulierung selbst ein Versuch, neue Investitionsmöglichkeiten für anlagesuchendes Kapital aus dem Produktionssektor zu schaffen. Umgekehrt führte die Finanzkrise schnell zu einer globalen Rezession, in der viele Menschen ihre Arbeitsplätze und ihr Einkommen verloren. Simple Gegenüberstellungen von »der Finanzsphäre« und »der Realwirtschaft« sind also nicht sinnvoll.

Die verschiedenen Wirtschaftssektoren haben ihre spezifischen Funktionsweisen, Problemlagen sowie Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie beispielsweise der sozialen Sicherung oder dem Gesundheitsbereich, und bringen entsprechende politische Konflikte hervor. So musste etwa der enorme Anstieg des globalen Finanzvermögens (welches mittlerweile mehr als dreimal so groß ist wie das entsprechende Sozialprodukt) seit Anfang der 1980er-Jahre früher oder später zu einer Krise führen. Abgesehen von einer kurzfristigen Entwertung von Teilen des Finanzvermögens in der Krise hat sich an dieser Tendenz übrigens nichts geändert, so dass die aktuelle Situation nach wie vor krisenanfällig ist.

Hinzu kommt die zunehmende Polarisierung von Arm und Reich, die entscheidend zum übermäßigen Wachstum der Finanzmärkte beigetragen hat und durch deren Funktionsweise weiter verschärft wird. Das sprichwörtliche oberste Prozent der Bevölkerung kann all das Finanzvermögen, das sich zunehmend in seinem Eigentum konzentriert, gar nicht ausgeben und legt es zum großen Teil auf den Finanzmärkten an. Von dort fließt nur ein Teil wieder zurück in den Produktionsbereich, so dass der Wert der Papiere (das fiktive Kapital nach Marx) schneller wächst als die tatsächlich produzierten Güter. Dies muss sich irgendwann in Krisen entladen.

Umgekehrt lässt die steigende Armut die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen sinken. Während die einen gar nicht wissen wohin damit, fehlt anderen Menschen das Geld, um existentielle Bedürfnisse zu befriedigen. Gesamtwirtschaftlich betrachtet werden dadurch Güter nicht abgesetzt oder gar nicht erst produziert, für die es eigentlich Bedarf gäbe.

Zugleich suchen die institutionellen Anleger, welche die akkumulierten Finanzvermögen verwalten, händeringend nach Anlagemöglichkeiten, die sie im Produktionssektor immer weniger finden. So werden mehr und mehr gesellschaftliche Bereiche finanzialisiert, also in die Geldkreisläufe der Finanzmärkte eingebunden. Rentenansprüche (Lebensversicherungen, Riesterrenten), Mietwohnungen, Hypothekenkredite, Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge, private Bildungseinrichtungen und vieles andere mehr werden zunehmend in Investments verwandelt. Dadurch stehen sie unter entsprechendem Renditedruck und sind den Unwägbarkeiten künftiger Krisen ausgesetzt.

Dabei haben wir alle viel mehr mit den Finanzmärkten zu tun als viele meinen. Als »normale« Kund_innen einer Bank, als Riestersparer_innen, als Angestellte einer Aktiengesellschaft und in vielen weiteren Rollen sind wir selbst ein winziger Teil der Finanzwelt. Diese Verwobenheit der eigenen Lebensumstände mit den Finanzmärkten gilt es in Bildungsprozessen exemplarisch offenzulegen und im Hinblick auf mögliche politische Konsequenzen zu diskutieren.

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