I Globale Arbeitsverhältnisse

Das Thema Sklaverei klingt im ersten Moment nach Geschichtsunterricht. Es lässt an die antiken Sklavenhaltergesellschaften, an die Verschleppung von Menschen aus Afrika zu Hochzeiten des Kolonialismus oder die Abschaffung der Sklaverei in den USA nach dem Bürgerkrieg denken. Denn offiziell ist die Sklaverei längst überall abgeschafft und wird in völkerrechtlichen Abkommen geächtet. So gibt es das Sklavereiabkommen des Völkerbundes aus dem Jahr 1926, das 1956 durch eine UN-Konvention bestätigt und ergänzt wurde. Auch nach Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sind Sklaverei und Sklavenhandel ausdrücklich verboten. Und tatsächlich gibt es seit Anfang der 1980er-Jahre keinen Staat mehr, in dem Sklaverei – also der Besitz von Menschen – rechtlich vorgesehen ist.

Nach den offiziellen Normen ist heutzutage die Lohnarbeit – neben der unbezahlten (Sorge-)Arbeit im Haushalt – die normale Form der Arbeit. Marx sprach vom 'doppelt freien Lohnarbeiter', um darauf hinzuweisen, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft nach der Abschaffung der Leibeigenschaft nunmehr formal 'frei' sind. Andererseits ist der größte Teil von ihnen aber auch 'frei von Produktionsmitteln' – sprich: er hat keine – und muss daher seine Arbeitskraft an die Eigentümer derselben verkaufen. Doch wo ihm keine wirksamen Grenzen gesetzt werden können, tendiert auch der Kapitalismus zu maßloser Ausbeutung. Daher ist das Thema Sklaverei alles andere als historisch.

Nach Schätzung verschiedener Organisationen lebten 2016 weltweit 40 Millionen Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen – mehr als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit (International Labour Office und Walk Free Foundation: Global Estimates of Modern Slavery. Genua, 2017). Es gibt zwar keine einheitliche Definition von 'moderner Sklaverei', doch unter diesem Stichwort werden Phänomene wie Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zwangsheirat oder Kindersoldaten mit je unterschiedlicher Gewichtung zusammengefasst. Von den weltweit betroffenen 40 Millionen Menschen arbeiten 26 Millionen unter Zwang in illegalen Fabriken, in der Landwirtschaft, auf Baustellen, in der Fischerei, in Bordellen oder in privaten Haushalten. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in Schuldknechtschaft.

Wenngleich nur ein relativ kleiner Teil dieser Menschenrechtsverletzungen in Deutschland und Europa vorkommt, hat das Thema doch mehr mit uns zu tun als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Denn in zahlreiche hier verbrauchte Konsumgüter (und ihre Vorprodukte) ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Sklavenarbeit eingegangen. Dies gilt für Lebensmittel ebenso wie für Kleidung, Kosmetik und nicht zuletzt für High-Tech-Produkte wie Smartphones.

In dieser Verteilung von sklavenartiger Arbeit und (relativ) luxuriösem Konsum zeigt sich eine der Kontinuitäten, die bis in die Kolonialzeit zurückreichen. Die Sozialwissenschaftler Markus Wissen und Ulrich Brand sprechen in diesem Zusammenhang von einer imperialen Produktions- und Lebensweise. Zugleich macht der Soziologe Stephan Lessenich mit dem Begriff der Externalisierungsgesellschaft darauf aufmerksam, dass die oft grausamen Grundlagen dieser Lebensweise an anderen Orten der Welt in aller Regel verdrängt werden.

Dies spiegelt sich in der geringen Aufmerksamkeit für aktuelle Versuche, Menschenrechte im Bereich der Wirtschaft auf Ebene der UN verbindlich zu regulieren. In den westlichen Industriestaaten käme es kaum jemandem in den Sinn, die Menschenrechte als universelle Normen grundsätzlich anzuzweifeln, doch allzu genau soll offenbar auch nicht hingesehen werden. So wurden einerseits 2011 die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Doch andererseits blockieren die Industriestaaten das aktuell von Ecuador und anderen Staaten des Südens angestoßene Verfahren, mit dem entsprechende Grundsätze tatsächlich rechtlich verbindlich werden könnten. Dies gilt nicht zuletzt für Deutschland und in der Folge für die EU. Hinter dieser Haltung stehen offensichtlich die Interessen transnationaler Konzerne, die fürchten, ernsthaft für Menschenrechtsverstöße entlang ihrer Lieferkette verantwortlich gemacht zu werden.

Das vorliegende Modul fokussiert auf solche politischen Konflikte im Zusammenhang mit dem Thema moderne Sklaverei. Denn die konsequente Durchsetzung von Menschenrechten im Bereich der Wirtschaft ist eine politische Frage und darf – ähnlich wie Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit – nicht auf ethische Fragen des individuellen Konsums reduziert werden.

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In Kooperation mit dem Entwicklungspolitischen Netzwerk (EPN) Hessen

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