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Offener Brief von H. Schumann an Herrn Gent von vodafone


Sehr geehrter Herr Gent,

 

Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie –  da geht es mir wie vielen Millionen anderen Bürgern in Deutschland. Sie sind, das ist Ihnen vermutlich gar nicht bewusst, einer der bekanntesten Top-Manager hierzulande. Und das nicht etwa, weil sie sieben Jahre lang das weltweit tätige Mobilfunk-Unternehmen Vodafone führten, das in Deutschland über zwanzig Millionen Kunden bedient. Ginge es nur danach, wären Sie den Deutschen so unbekannt wie der Chef des Handy-Konzerns Nokia oder des Auto-Herstellers General Motors, die nicht weniger deutsche Kunden haben als der Konzern, den Sie mit aufgebaut haben.

Nein, Sie sind eine Berühmtheit, weil Sie sich große Verdienste um diese Republik erworben haben, Herr Gent. Denn Sie haben mehr zur Aufklärung über die Akteure und Methoden des globalisierten Shareholder-Value-Kapitalismus beigetragen als das ganze Heer der Wirtschaftsexperten, das täglich die Zeitungsspalten und Sendeminuten füllt.

Seit Jahren predigen diese Leute ihrem Publikum die immergleiche Mär vom effizienten Kapitalmarkt. Weil dieser angeblich das verfügbare Geld der Sparer stets dahin lenkt, wo es den höchsten Ertrag bringt, sollen dort die Gewinner immer Recht haben. Diese Lenker der Kapitalströme üben grenzenlose Macht über Millionen von Menschen aus und müssen sich trotzdem nicht durch Wählerstimmen legitimieren, sondern nur durch Kapitalanteile. Dabei ist ihre Botschaft immer gleich: Irgendwann soll es allen besser gehen, wenn man nur die „Chief Executive Officers“, diese Generäle des Kapitals, möglichst frei agieren lässt.

Natürlich gibt es noch einige Marktgläubige, die das immer wieder mal behaupten. Allein, kaum jemand mag ihnen noch folgen. Und das ist zu erheblichen Teilen Ihr Verdienst, Herr Gent. Denn Ihre geniale Mischung aus unternehmerischem Kalkül und kalter Ignoranz im Umgang mit dem Publikum hat den Deutschen ein Lehrstück in Sachen Macht-Wirtschaft beschert, das auch Bertolt Brecht zur Ehre gereicht hätte: Die seit nunmehr fünf Jahren anhaltende Vodafone-Affäre.

Gewiss, diese Publicity war nicht Ihre Absicht, als Sie die Übernahme und anschließende Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns im Frühjahr 2000 in Szene setzten. Aber am Ende, Sie kennen das, zählt nicht die Intention, sondern das Ergebnis. Und das ist furios. Der Übernahme-Coup war nicht nur „der größte Triumph“ Ihres Lebens, wie der Spiegel seinerzeit befand. Er hat zugleich den wirtschaftspolitischen Diskurs in diesem Land befruchtet wie kein anderes Ereignis. Dank Ihnen und Ihrer Firma haben auch Normalbürger Zugang zu den Dunkelzonen der globalisierten Ökonomie bekommen, über die es sonst stets an Anschauungsmaterial mangelt. Dabei war unter anderem zu lernen, 

 

-          dass es in den Führungsetagen der Großkonzerne nicht viel anders zugeht als bei anderen Machtspielen großer Jungs, die ihre Territorial- und Statuskämpfe ausfechten; das vor dem Düsseldorfer Landgericht entfaltete Sittengemälde war großartig;

-          dass die Bezahlung und Prämierung von Top-Managern nicht von ihrer Arbeitsleistung, Kreativität oder Führungsfähigkeit abhängt, sondern davon, wer mit wem bekannt ist oder wer wem welche Gewinne verschafft; seitdem werden die Debatten über Manager-Gehälter viel informierter geführt;

-          dass das deutsche Steuerrecht international tätigen Konzernen zig Milliarden Euro auf Kosten weniger mobiler Steuerzahler zuschanzt; endlich steht die rot-grüne Steuerreform im richtigen Licht;

-          und dass die Sache mit dem Shareholder Value gar nicht ernst gemeint war. Unter Ihrer Führung haben die Aktien Ihres Unternehmens binnen zwei Jahren 70 Prozent an Wert verloren und Sie sind trotzdem als Held gefeiert worden, das beeindruckt selbst Ihre Kritiker.

 

Für Sie ist das sicher alles schon Geschichte, jetzt, wo Sie bei Glaxo SmithKline im englischen Uxbridge Senior-Chef des zweitgrößten Pharmakonzerns der Welt geworden sind. Aber bei uns ist das alles noch sehr lebendig. „Der Name Vodafone steht für maßlose Gier, eitle Arroganz, Verachtung des Rechtsstaats, Verhöhnung der Gesellschaft“, schrieb kürzlich der sonst eher zurückhaltende Berliner Tagesspiegel. [i] Das war vielleicht ein wenig hart, demonstriert aber den nachhaltigen Eindruck, den Ihre Aktionen hier hinterlassen haben.

 

Mit Spielgeld zahlen und Cash einnehmen

 

Die erfrischende Belehrung des Publikums begann schon, da war von den erhellenden Details  des freizügigen Umgangs der beteiligten Manager mit dem Geld anderer Leute noch gar nicht die Rede. Plötzlich geschahen mitten in Deutschland Dinge, die bis dahin nur aus Amerika bekannt waren. Man stelle sich vor: Da übernimmt das gerade mal 15 Jahre alte Unternehmen Vodafone den über 100 Jahre alten deutschen Traditionskonzern Mannesmann zum Börsenwert von 178 Milliarden Euro. Doch das belastet die Kasse des Käufers mit keinem Cent. Stattdessen verfügt Vodafone schon drei Monate nach der Transaktion über 57 Milliarden Euro Barvermögen mehr als vor der Übernahme. Der Trick war die Sache mit dem Aktientausch: Sie haben den Aktionären von Mannesmann ihre Anteile nicht mit Geld sondern einfach mit Vodafone-Aktien abgekauft und dabei „Aktien wie Konfetti verteilt“, wie sich später einer der geleimten Aktionäre mokierte. Eigentlich war es eine Kapitalerhöhung um fast 100 Prozent, also die Ausgabe vieler neuer Aktien, mit der sie den Kauf von Mannesmann finanziert haben. Und bezahlt haben dafür die Eigentümer des deutschen Konzerns mit ihren Anteilen. Letztlich verwässerte das den Wert der Vodafone-Aktien erheblich, aber von diesem Risiko haben Sie vorsichtshalber nie gesprochen. Stattdessen haben Sie auf allen Kanälen den gutmütigen Briten mit Hornbrille und Hosenträgern gespielt und so die Leute aufs Glatteis geführt, das war gekonnt.

So gelang es Ihnen, den Anlegern und sogar den Profis der großen Investmentfonds weis zu machen, die neu ausgegebenen Vodafone-Anteile wären künftig und auf Dauer mehr wert als die alten Mannesmann-Aktien. Sie setzten einfach den durch die Übernahmespekulation hochgetriebenen aktuellen Börsenkurs der beiden Papiere an und boten rein rechnerisch 350 € in Vodafone-Aktien für jede Mannesmann-Aktie. Damit waren die Mannesmann-Papiere zwar mehr als doppelt so hoch bewertet wie drei Monate zuvor. Doch ebenso verhielt es sich mit dem Wert der Vodafone-Aktie. Unterm Strich war damit der riesige Mischkonzern mit 138.000 Beschäftigten und sieben Sparten immer noch niedriger bewertet als das reine Mobilfunkunternehmen Vodafone mit nicht mal halb so vielen Angestellten - ein dolles Ding, das nur durchzuziehen war, weil damals viele Leute meinten, die Telekommunikation könnte über Jahrzehnte zweistellig wachsen - eine verrückte Illusion, wie bald darauf klar wurde, aber dazu später.

Der eigentliche Clou war, wie Sie dann gleich nach dieser Transaktion Kasse gemacht haben. Die britische Mannesmanntochter Orange ging für 40 Milliarden Euro an die France Telekom, die Maschinenbau- und Autozuliefer-Gruppe Atecs für neun Milliarden an Siemens und Bosch, das Handelshaus an Thyssen, der Maschinenbau an Siemag und der Röhrenbau, die Basis des alten Konzerns, landete beim Stahlkonzern Salzgitter. Für die meisten der mehr als  130.000  Mannesmänner und –frauen, die ihrem Unternehmen häufig über Jahrzehnte verbunden waren, war das natürlich nicht so schön. Erst war mit den von ihnen erwirtschafteten Gewinnen die Mobilfunksparte aufgebaut worden, und nun wurden sie einfach abgeschoben. Die Kranbauer von Mannesmann Dematic in Wetter an der Ruhr zum Beispiel, die haben jetzt schon den vierten Eigentümer in drei Jahren. Sie, Herr Gent, wissen wahrscheinlich nicht einmal von der Existenz dieses Unternehmens, aber diese Leute waren stolz auf ihre Produkte, die dort 163 Jahre lang erfolgreich hergestellt wurden. Als es ans Ausschlachten ging, gab es aber kein Interesse mehr an langfristigen Investitionen. Nun wird  „nur noch abgerissen, entkernt, abgebaut“, wie einer der Betriebsräte in der Zeit klagte. „Kunden, Qualität, Produkte, das spielt alles keine Rolle mehr, jeder denkt nur noch an sich“, so fasst er die Lage seiner Firma zusammen, die es vermutlich bald nicht mehr geben wird. [ii]

Sie werden einwenden, das habe ja nicht an Ihnen gelegen. Das stimmt, Sie haben nur an Siemens verkauft. Kann ja keiner wissen, dass die sich auch nicht für die ihnen anvertrauten Menschen verantwortlich fühlen. Vodafone jedenfalls hat auf diesem Weg stolze 57 Milliarden Euro eingenommen, die Sie für weitere Käufe nutzen konnten. Praktisch haben Sie so mit Spielgeld bezahlt und anschließend echtes Geld eingenommen. Der eine oder andere mag sich dabei betrogen fühlen, aber am internationalen  Kapitalmarkt ist das legal. Sie mussten einfach nur behaupten, es sei „besser, diese zwei Unternehmen zusammenzuführen“, dann gelte „eins plus eins gleich drei“, wie Sie dem Spiegel erklärten. [iii] Und prompt sind die Aktionäre drauf reingefallen. Das Ergebnis Ihres eins plus eins liegt heute bei gerade mal 0,3. Statt 360 Milliarden ist der Konzern an der Börse nur noch 120 Milliarden Euro wert – ein Umstand, den Sie einfach dem allgemeinen Kursverfall zuschreiben konnten und darum nicht dafür haftbar gemacht wurden. Aber mal im Ernst, Herr Gent: Sie haben's bestimmt vorher gewusst, dass das alles Schmu ist, oder? Ich meine, wenn die Leute eine Firma mit dem 100fachen eines Jahresgewinns bewerten, wie damals bei Mannesmann, dann sind sie doch ohnehin ein bisschen verrückt. Normalerweise werden Unternehmen schließlich nur mit dem zehn bis zwanzigfachen ihres jährlichen Ertrags gehandelt.

Nein, das soll kein Vorwurf sein. Die Verlierer waren ja vor allem Kleinanleger, die dumm genug waren, ihre Ersparnisse den Investmentfonds der Banken und den Anlagemanagern der Versicherungskonzerne anzuvertrauen, die darüber die Aktienmehrheit hielten. Für die Blauäugigkeit dieser unaufgeklärten Sparer können Sie ja nichts. Dafür ist nun vielen klar geworden, dass die angeblichen Investment-Profis bei den so genannten institutionellen Anlegern aus strukturellen Gründen unfähig sind, das Geld ihrer Kunden sicher zu verwalten. Sie konnten ihre vielen Aktien gar nicht so schnell abstoßen, wie die Kurse fielen. Das hat ihnen zwar nicht wirklich geschadet. Denn ihre Gebühren und Provisionen kriegen sie ja eh. Nur der Ruf der Finanzbranche ist jetzt ziemlich ruiniert. Und nur noch 16 Prozent der Deutschen beteiligen sich am Börsenspiel. Aber das kann ihnen niemand verdenken.

Denn nicht zuletzt dank Ihrer Mannesmann-Aktion ist jetzt klar, dass es volkswirtschaftlich unsinnig ist, den Strukturwandel der Wirtschaft von Börsenkursen abhängig zu machen. Das Konzept führte zu weniger Wettbewerb, weniger Innovation, weniger Jobs und vor allem massenhafter Kapitalvernichtung. Gewiss, ein großer Teil der Verluste entsteht nur fiktiv in Bits und Bytes, so wie die Kursgewinne zuvor auch nur fiktiv durch hohe Nachfrage bei kleinem Angebot entstanden waren. Gleichwohl sind auf diesem Weg über lange Jahre zig Milliarden Euro und  Dollar in die unproduktive Finanzsphäre abgeflossen. Nicht für Investitionen in neue Produkte oder Dienstleistungen wurde das Geld der Sparer genutzt. Stattdessen inflationierten ihre vermeintlichen Sachwalter bei Banken und Versicherungen Wertpapiere aller Art, mal an den Börsen, mal auf den Anleihemärkten der Schwellenländer, dann wieder bei Immobilien – immer so lange, bis die Blasen platzten.

Eigentlich blöd, dass jede Generation diese Erfahrung wieder neu machen muss. Wenn man bedenkt, dass die ganze Geschichte in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon mal über die Bühne ging. John Maynard Keynes, einer der klügsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, warnte im Jahr 1936: „Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust zur Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird.“ Das beschreibt doch Ihre Art der Unternehmensführung ziemlich gut, Herr Gent, was meinen Sie? Keynes monierte damals, „wenn die Kapitalentwicklung eines Landes das Nebenerzeugnis der Tätigkeiten eines Spielsaales wird, wird die Arbeit voraussichtlich schlecht getan“ und empfahl so wie heute die Protestler von attac „die Einführung einer beträchtlichen Umsatzsteuer auf alle Abschlüsse“ als „die zweckmäßigste Reform“. [iv]

 

Bestechung oder Selbstbedienung? Oder beides?

 

Aber diese Forderung hat sich ja zum Glück nicht durchgesetzt, sonst hätte das Land auf die ganze Vodafone-Affäre, und damit auf diese Live-Show in Sachen Geld und Globalisierung verzichten müssen. Denn dann wäre der größte Gewinner des ganzen Spiels gar nicht erst zum Zuge gekommen, dieser Milliardär aus Hongkong mit Namen Li Kasching. Sie erinnern sich, der hielt damals zehn Prozent der Mannesmann-Aktien, die er für den Verkauf seiner britischen Mobilfunkgesellschaft Orange an den Düsseldorfer Konzern bekommen hatte. Als Sie dann diesen „Angriff“ von Mannesmann-Chef Klaus Esser auf Ihren Heimatmarkt mit dem Übernahmeangebot für die deutsche Firma konterten, da stieg doch der Wert des Pakets von Li in sechs Monaten um volle acht Milliarden Euro. 8.000.000.000 €, das war schon ein Pfund. Allerdings hatten Kasching und sein Direktor Canning Fok eine Verpflichtung unterschrieben, ihr Paket nur mit Zustimmung des Mannesmannvorstands zu verkaufen. Kein Wunder also, dass Fok  in den aufregenden Tagen Anfang Februar 2000 vor dem Ende Ihrer Angebotsfrist an die Mannesmann-Aktionäre in Düsseldorf weilte, anstatt in Hongkong seinen Geschäften nachzugehen. Von Essers Zustimmung hing schließlich einer der größten Aktiengewinne der Wirtschaftsgeschichte ab. Ganz klar, Sie und die Chinesen hatten das gleiche Interesse: Esser sollte verdammt noch mal endlich zustimmen. Sie wollten den Konkurrenten schlucken und Fok wollte für seinen Chef die Milliarden einstreichen.

Lag es da nicht nahe, Esser und seine Kollegen einfach am Gewinn zu beteiligen? Also, ich fand die These der Düsseldorfer Staatsanwälte ziemlich plausibel, dass Fok Herrn Esser die 30 Millionen Euro für seine Zustimmung zur Fusion angeboten hat. Was sind schon 30 Millionen im Verhältnis zu acht Milliarden? Nicht einmal 0,5 Prozent, eine miserable Provision, jeder Immobilienmakler nimmt mehr. Kasching und Fok haben im Gegensatz zu den meisten anderen Aktionären ja auch gleich nach der Fusion unauffällig Kasse gemacht und schnell große Teile ihres nun auf den Namen Vodafone lautenden Aktienpakets verkauft, denen musste es auf die paar Millionen wirklich nicht ankommen. Auch die übrigen Indizien waren ziemlich stark. Da sagt der chinesische Großaktionär zu Essers Berater „Let's do it the Chinese way“ und geht ungeladen im 20. Stock des Mannesmann-Hauses in den Konferenzraum, wo Sie mit Esser verhandeln. Prompt steht fünf Stunden später der Vertrag und in der Vorstandsetage knallen die Champagnerkorken.

Ja, ich weiß, Herr Gent: Sie, Fok und Esser bestreiten rundheraus, dass es so herum gelaufen ist. Bestechung gilt ja auch in Ihren Kreisen als unschick. Foks Einlassung zur Verteidigung Essers war denn auch herzzerreißend. Dieser „sehr ehrenhafte Mann und wundervolle Mensch“ habe „so hart gearbeitet, soviel für seine Aktionäre erreicht und dabei völlig vergessen für sich selbst zu sorgen“, sagte der chinesische Ehrenmann. Nur darum habe er sein großzügiges 30 Millionen-Euro-Angebot gemacht. Auch Sie haben ja versichert, Fok habe Ihnen die Zahlung erst vorgeschlagen, „nachdem der wichtigste Punkt geklärt war“, also die Zustimmung zur Fusion bei einer Mehrheit für Vodafone. Und gewiss hat Esser nicht nur wegen des Geldes seinen Widerstand gegen das Ende von Mannesmann aufgegeben, schließlich hatte er auch schon die Mehrheit der Aktionäre verloren. Insofern waren seine Tage als Mannesmannchef ohnehin gezählt. Aber ob das Geld die Verhandlungen nicht doch ein ganz kleines bisschen beschleunigt hat? Wenn es nicht so war, warum hat Esser dann vorsichtshalber dem „lieben Canning“ schriftlich „meine Auflistung der Daten und Fakten“ übermittelt, noch bevor es überhaupt zum Prozess über die umstrittene Prämie kam?

 

„Das geht so überhaupt nicht“

 

Wie das genau war, wird wohl für immer im Dunkeln bleiben. Trotzdem, die Sache mit den „appreciation awards“, diesen Anerkennungs-Prämien für Esser und seine Kollegen, war in jedem Fall genial. Dafür bin ich Ihnen und Fok bis heute dankbar. Denn sie lösten diesen glücklichen Unfall in der deutschen Rechtspflege aus: Den Prozess gegen Esser und seine Kumpels aus dem Aufsichtsrat wegen angeblicher Veruntreuung von Firmengeldern. Und wissen Sie eigentlich warum? Die Ursache war, dass das deutsche Recht in Sachen Selbstbedienung für Top-Manager noch immer nicht globalisiert wurde.

Das war nämlich so: Esser konnte von Fok direkt kein Geld annehmen, dann wäre es offenkundig Bestechung durch den Hauptbegünstigten gewesen. Das Geld musste also von seinem Arbeitgeber kommen, der Mannesmann AG. Darum beschlossen Essers Freunde im Aufsichtsratspräsidium gleich am nächsten Tag, also am 3. Februar 2000, die Auszahlung von 30 Millionen Euro an den vermeintlichen Verlierer der Transaktion und noch mal 26,7 Millionen an seine Vorstandskollegen und einige frühere Vorstände. Blöd war nur, dass solche Abschiedsprämien im deutschen Aktienrecht bisher nicht vorgesehen sind. Hierzulande müssen Zahlungen an Führungskräfte nicht nur „in angemessenem Umfang zu den Aufgaben“ stehen, sie müssen auch „im Interesse“ des Unternehmens liegen und nicht nur in dem der Akteure und Empfänger.

Natürlich, das ist altmodisch und Sie als Global Player ohne Erfahrungen mit deutschem Kleingeist konnten das nicht wissen. In den USA und auch in Großbritannien sind solche Zugaben für verdiente Führungskräfte gang und gäbe. Sie selbst haben für die Mannesmann-Aktion schließlich auch mal eben so 15 Millionen Euro Siegprämie aus der Vodafone-Kasse bekommen. Sie konnten den Staatsanwälten auch berichten, dass Sie bei der Übernahme des US-Konkurrenten Airtouch Ihren dortigen Widersacher sogar mit über 400 Millionen Euro abgefunden haben. Insofern waren die Prämien für Esser und Kollegen nur Peanuts. Das haben die deutschen Ankläger auch eingesehen und stellten die Ermittlungen gegen Sie ein.

Die anderen Akteure konnten sich zum Glück so nicht rausreden. Als Aufsichtsräte einer deutschen Aktiengesellschaft hätten sie das deutsche Recht eigentlich kennen müssen, oder? Der Joachim Funk war sogar Vorsitzender des Gremiums und zuvor selbst Vorstandschef, da erwartet man schon solide Kenntnisse. Und Josef Ackermann ist immerhin Chef der Deutschen Bank und mit elf Millionen Euro im Jahr der bestbezahlte deutsche Manager überhaupt. Ich verstehe, dass Sie den beiden vertraut haben. Dass die beiden Gewerkschafter im Gremium, der IG-Metall-Boss Klaus Zwickel und der Betriebsrat Jürgen Ladberg, das Spiel mitgespielt haben, war vermutlich einfach nur feige, die wollten sich raushalten. Das ist ihnen aber am Ende nicht gelungen. Denn die Staatsanwälte fanden nicht nur die Höhe der Prämien für Esser und seine Kollegen unangemessen, sondern sie hielten die ganze Belohnungsaktion mangels Rechtsanspruch der Angeklagten für illegal. Darum stellten sie alle vier unter Anklage wegen Untreue und Ihr Partner Esser war wegen Beihilfe dran. Sie haben als Zeuge vor Gericht gesagt, dass Sie das „ungerecht“ fanden,  und den anschließenden Prozess vor der Düsseldorfer Wirtschaftsstrafkammer „eine Schande“. Aber da geht es mir wie den Staatsanwälten: Zu diesem Schluss kann nur einer kommen, der mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut ist. Bedenken Sie doch, welche Realsatire uns entgangen wäre! Und welche Einsichten!

Zu lernen war da etwa, dass die Kriegsmetaphorik rund um die „feindliche Übernahme“, dieses Gerede von „Angriff“ und „Gegenoffensive“, von Schlacht, Helden, Sieg und Niederlage, gar nicht so weit hergeholt war, wie es immer klingt. Denn ganz offensichtlich gibt es eine zentrale Gemeinsamkeit zwischen echten Kriegen und den Schlachten der neuen Globalisierungskrieger: Anstand und Moral der Kämpfer bleiben auf der Strecke.

 

Zum Beispiel Ackermann. Der Chef der Deutschen Bank lieferte einen überzeugenden Einblick in das gedankliche Kontinuum der globalen Klasse. Ich meine damit diese Leute, die an kein Land mehr gebunden sind und mittels ihrer Konzerne mehr Macht ausüben als jeder Regierungschef in Europa. Was immer unser mächtigster Banker da am ersten Prozesstag mit den zum Victory-Zeichen erhobenen Fingern sagen wollte – es stimmte jedenfalls ästhetisch, hatte echte Klasse. Von da an war klar, was so einer vom Rechtsstaat hält. Deutschland sei „das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, vor Gericht stehen“, hat der Mann dann erklärt. Ackermann meinte nicht etwa die vielen tausend Mitarbeiter, die Mannesmann aufgebaut haben. Nein, der meinte wirklich den Esser, der gerade mal acht Monate Vorstandschef war. Und das zu einem Zeitpunkt, wo von der vermeintlichen Wertsteigerung schon gar nichts mehr übrig war. Ob der wirklich nicht gewusst hat, dass die heiße Luft der Spekulation aus dem Börsenkurs längst entwichen war?

Über den Prozess haben wir auch erfahren, wie die Globalisierungsschlacht bei Joachim Funk, dem Aufsichtsratschef und Ex-Vorstandsvorsitzenden, alle Hemmungen beseitigte. Der Mann war eigentlich eine grundsolide Figur, hat sein ganzes Berufsleben bei Mannesmann verbracht, promovierter Ökonom, Ehrendoktor, zahlreiche Ehrenämter. Aber als er dann mitbekam, dass sein Zögling und Nachfolger Esser nach nur acht Monaten im Job mit 30 Millionen Euro nach Hause gehen sollte und er nur mit seiner Betriebsrente von ein paar Hunderttausend im Jahr, da hat er alle Seriosität fahren lassen. Da muss es ihm gegangen sein wie einem Jungen, der im Trotzalter „ich will auch!“ schreit, und hat sich tatsächlich (mit Zustimmung Ackermanns) einfach mal neun Millionen Mark selbst genehmigt. Selbst die kreuzbrave Sachbearbeiterin des Vorstands wollte da nicht mehr mitspielen und hat den Wirtschaftsprüfer alarmiert. Der stellte prompt fest, „so geht das überhaupt nicht!“. Und später schrieben er und seine Kollegen sogar, sie hätten „schwere Bedenken, ob die Zahlungen mit Recht und Gesetz vereinbar sind“. Es gebe sogar „gewichtige Gründe“, warum „die Gesamtbezüge der Vorstände nicht in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben des einzelnen Vorstandsmitglieds“ stünden und damit „eine Pflichtverletzung des Aufsichtsrates vorliegt“.

Erstaunlicherweise hat dieses Votum die Auszahlung der Millionen nicht gestoppt, sondern nur ein wenig verzögert. Zwanzig Änderungen am Protokoll waren nötig, neun Treffen mit den Wirtschaftsprüfern und noch ein Umlaufbeschluss, dann floss das Geld. Das war wohl auch Ihr Verdienst. Als Sie den Aufsichtsrat übernommen haben, haben Sie alle Prämien noch einmal abgesegnet. Nur mit dem Funk, diesem Hallodri, da sind Sie hart umgesprungen. Der hatte Sie angeraunzt, Sie würden „ein großes deutsches Unternehmen ruinieren“. Darum haben Sie ihm statt der geforderten neun Millionen Mark einfach nur sechs genehmigt. Bravo, das war echt mal eine solide Retourkutsche. Die drei Millionen werden ihm richtig fehlen. Ob der Mann jetzt wohl seinen Lebensstandard noch halten kann?

 

Die schärfste Form der Ahnungslosigkeit

 

Der Prozess selbst, das wird Sie gefreut haben,  ging ja schließlich aus wie das Hornberger Schießen. Alle Angeklagten wurden Juli diesen Jahres freigesprochen. Dafür konstruierte die Richterin Brigitte Koppenhöfer eine Art juristischen Doppel-Looping. Demnach waren die Zahlungen an Esser und seine Mannschaft zwar aktienrechtlich nicht in Ordnung, weil nicht im Interesse des Unternehmens. Doch diese Pflichtverletzung war nicht „gravierend“, darum nicht strafbar. Und die Prämie für Funk war zwar, trotz Ihrer mutigen Kürzung, eine „gravierende Pflichtverletzung“, weil ohne jede Rechtsgrundlage. Dafür gestand die Richterin in diesem besonderen Fall Ackermann, Zwickel  und Co. einen „unvermeidbaren Verbotsirrtum“ zu, „sozusagen die schärfste Form der Ahnungslosigkeit“, wie der Stern so schön befand. Schließlich hätten sie es als hoch bezahlte Aufseher wissen müssen und Unwissen schützt vor Strafe nicht, lernen wir doch schon in der Schule. Der Münchner Strafrechtsprofessor Bernd Schünemann hält das Urteil sogar für einen „Markstein der Klassenjustiz“. Bei „kleinen Leuten“ müsse „die Pflichtverletzung auch nicht gravierend sein, damit sie unnachsichtig verfolgt“ würden. [v]

Ich dagegen finde das Urteil völlig ok. Denn die juristische Konstruktion ist so wackelig, dass die Chancen auf eine Fortsetzung des Verfahrens in der nächsten Instanz sehr gut sind. Die Staatsanwaltschaft hat schon Revision beantragt, sodass diese erfolgreiche Volksaufklärung mit den Mitteln des Strafprozessrechts nicht unnötig früh zu Ende geht. Und auf das Urteil selbst kommt es ja auch gar nicht an. Das wichtigste an dem Verfahren ist, dass es stattfindet. Denn es hat eine wertvolle Debatte über die Moral, die Verantwortung und die verbreitete Geldgier  in den Vorstandsetagen der großen Konzerne angestoßen, die jetzt nicht abreißen darf.

Sie verstehen nicht, warum die Deutschen so auf den sauer verdienten Top-Gagen für Top-Manager rumreiten? Na ja, so ganz fremd kann Ihnen das auch im Vereinigten Königreich nicht sein. Schließlich haben viele Aktionäre auch bei Ihnen den Aufstand geprobt, als Sie Ihre Siegprämie von 15 Millionen Euro eingestrichen haben. Und als Sie sich zum Abschied von Vodafone vergangenes Jahr noch mal fast 20 Millionen Euro genehmigen ließen, hat das noch mal für viel böses Blut gesorgt.

Außerdem müssen Sie wissen, die Sache mit den Gehältern ist hier völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Löhne der normalen Angestellten und Arbeiter sind nach Inflation sowie Steuern und Abgaben seit 1980 nicht mehr gestiegen. Gleichzeitig explodierten die Managergehälter bei den Großkonzernen. Die Chefs streichen inzwischen das 240fache eines Durchschnittsverdieners ein, hat Peer Steinbrück, Regierungschef in Nordrhein-Westfalen, ermitteln lassen. Vor 30 Jahren begnügten sich die Bosse noch mit dem 30fachen. Also nähern sich die Löhne denen in Polen und die Top-Gehälter denen in Amerika, das kann nicht gut gehen, zumal die gleichen Leute ja fortwährend weitere Lohnsenkungen fordern und die Sozialsysteme radikal abbauen wollen.

Dieses Missverhältnis macht viele Leute unruhig. So warnte unlängst die Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann, dass bei „diesem Monopoly“ auf den Börsenmärkten, wo Manager „stolz dabei sind, sich wieder tausender Arbeitnehmer entledigt zu haben“ der „arbeitende Mensch keine Rolle mehr spiele“. Diese „angemaßte Freiheit“ tue so, „als stünden die Grundrechte nur denen zu, die auf der ökonomischen Sonnenseite das Sagen haben“. [vi] Ludwig Poullain, der greise frühere Chef der Westdeutschen Landesbank, forderte unter dem Eindruck des Mannesmann-Prozesses von seinen jüngeren Kollegen, „Demut zu empfinden, und sie mitunter auch zu zeigen“. „Wir müssen“, so Poullain, „nicht mit dem Kopf unter dem Arm herumlaufen, aber ein Gespür dafür entwickeln, was in den Gemütern derer vorgeht, die nicht auf der Sonnenseite rechtssicherer Dienstverträge leben.“ [vii] Selbst unser konservativer Bundespräsident Horst Köhler, der als Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds der Hochfinanz eng verbunden ist,  warf Deutschlands Wirtschaftsführern vor, es mangele ihnen an „Einfühlungsvermögen und Vorbildfunktion“. Wenn jemand ein großes Unternehmen führe „und zweistellige Millionenbeträge in Euro an Gehalt einstreicht und gleichzeitig zehntausende von Leuten freisetzt, dann fehlt es hier nicht nur an Instinkt, sondern auch an unternehmerischem Bewusstsein", beschwerte sich Köhler. Vermutlich dachte er dabei an Ihren Freund Ackermann, der sich den Abbau von 10.000 Stellen bei der Deutschen Bank mit einer Gehaltserhöhung um sechs Millionen Euro versüßen ließ.

Vor diesem Hintergrund fordern jetzt die Betriebsräte und Gewerkschafter in den Aufsichtsräten, die Managergehälter künftig an die Entwicklung der Löhne der Beschäftigten in den jeweiligen Unternehmen zu koppeln. Das halte ich für ein rundum überzeugendes Konzept. Selbst Bundesjustizministerin Brigitte Zypries findet das „sicher eine Überlegung wert“, will aber nur auf freiwillige Vereinbarungen setzen. Das hat zwar schon bisher nicht geklappt, aber die Sozialdemokraten hierzulande haben eben Angst vor Leuten wie Ihnen.

 

„Das ist eine Riesensauerei!“

 

Gerade deshalb bin ich so begeistert davon, dass im Zuge Ihrer Aktion gleich auch noch die Finanzpolitiker der rot-grünen Bundesregierung bloßgestellt wurden. Wie, davon wissen Sie gar nichts?  Na ja, es geht gewissermaßen nur um das Erbe Ihrer segensreichen Zeit bei Vodafone, das von Ihrem Nachfolger nun steuersparend verwaltet wird. Damals fabrizierten Sie ja nicht nur die teuerste Fusion der Wirtschaftsgeschichte, sondern auch den höchsten jemals in Europa ausgewiesenen Verlust, erinnern  Sie sich?   Sagenhafte 25,6 Milliarden Euro Miese haben Sie in die Bilanz für das Geschäftsjahr 2001/2002 geschrieben und in den Folgejahren wurde es nicht viel besser. Bilanztechnisch hat Vodafone seit 2000 fast 50 Milliarden Euro Verlust gemacht. Das Geld ist nicht wirklich weg, ich weiß, es wurden einfach nur die Phantasiewerte für die mit dem Aktienspielgeld gekauften Unternehmen abgeschrieben. Aber steuertechnisch ist das natürlich eine Bonanza – vor allem in Deutschland.

Erst haben Sie über die Luxemburgtochter das Mannesmannpaket für 180 Milliarden gekauft, ein halbes Jahr später für 146 Milliarden an die neue deutsche Vodafone GmbH weitergereicht und im folgenden Jahr dann auf 96 Milliarden Euro abgeschrieben. Das ergibt einen Verlust von 50 Milliarden Euro, den Ihr Nachfolger jetzt beim Finanzamt mit den Gewinnen verrechnen lassen will. Kommt er damit durch, wäre nicht nur der Jahresgewinn 2003 der Vodafone Deutschland GmbH in Höhe von 2,5 Milliarden Euro steuerfrei. Bei gleich bleibenden Gewinnen müsste die Firma sogar volle 20 Jahre lang keine Steuern mehr zahlen. Da muss man erst mal drauf kommen! Sie haben den Laden nicht nur mit Spielgeld bezahlt, jetzt kriegt das Unternehmen dafür vom Fiskus auch noch an die 20 Milliarden Euro Steuererlass. Dem Kollegen Jürgen Zurheide in Düsseldorf ist wirklich zu gratulieren, dass er diese tolle Konstruktion rechtzeitig zum Ende der Show in der Wirtschaftsstrafkammer veröffentlichte. Ohne diese Enthüllung wäre sonst wahrscheinlich über lange Zeit unsere monatliche Vodafone-Lektion über die wahren Gewinner der globalisierten Ökonomie ausgefallen. [viii]

So aber haben jetzt auch die einfachen Leute begriffen, wie die regierenden Schröderianer und ihre grünen Steigbügelhalter sie reingelegt haben: Über drei Jahre haben diese Totengräber der sozialen Marktwirtschaft tatenlos zugesehen, wie international tätige Großunternehmen Deutschland in ihre Steueroase verwandelt haben, ja sie haben durch die massive Senkung des Steuersatzes sogar dazu beigetragen. Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2003 sind dadurch die Einnahmen aus der Körperschafts-, der Kapitalertrags- und der Gewerbesteuer um 20 Milliarden Euro geringer gefallen, als in den Vorjahren. [ix] 20.000.000.000 €, damit könnte man 20.000 Lehrer zehn Jahre bezahlen und dazu noch 5000 Schulen sanieren. Oder die Regierung könnte hunderttausend junge Leute in anspruchsvollen Berufen ausbilden. Oder die Pleitestadt Berlin könnte einen ganzen Jahresetat damit bestreiten. Oder, oder, oder …Weil das Geld aber nun weg ist, sagen sie, wir können uns die Arbeitslosen nicht mehr leisten und gehen denen an ihr bisschen Geld.

Fast wäre gar nicht aufgefallen, warum eigentlich die Kassen leer sind. Aber wieder sind Sie und Vodafone uns zu Hilfe gekommen, praktischerweise mit der richtigen Zahl. Ihr Ex-Konzern will in Deutschland genauso viel Steuern sparen, wie die Bundesregierung Deutschlands Großunternehmen sowieso jedes Jahr schenkt. Dabei spielt es nun auch keine Rolle mehr, dass Rot-Grün das von Ihnen in Anspruch genommene Steuersparmodell seit 2002 abgeschafft und durch andere ersetzt hat. Hauptsache ist, dass nun selbst die dümmsten Medien die Konzernbesteuerung zum Thema machen. „Das ist eine Riesensauerei!“ titelte zum Beispiel die Bild-Zeitung, „Jetzt zahlen wir seine Abfindung“ [x] . Auch der Münchner Merkur, sonst nicht für linke Umtriebe bekannt, schrieb: „Erst übernimmt Vodafone den deutschen Mannesmann-Konzern zu Mondpreisen, dann stopfen sich die beteiligten Manager die Taschen voll, und am Ende lassen sich die schlauen Multis ihre Unverschämtheiten auch noch vom kleinen Mann bezahlen – wenn das die Spielregeln des Turbokapitalismus sind, dann gute Nacht.“

Angesichts dieser Empörung mutete die Verteidigung des Berliner Vodafone-Statthalters etwas unprofessionell an. Der erklärte uns nämlich, es handle sich „um einen ganz normalen und bei vielen Unternehmen üblichen Vorgang“. Die Abschreibung sei „gesetzlich sogar zwingend gewesen“. Und ein anderer Vodafone-Sprecher ergänzte, „die Aktionäre würden uns sonst verklagen“. Ich bin mir nicht sicher, ob solche Sprüche dem Unternehmen wirklich nutzen. Die Globalisierungskritiker von attac nutzten jedenfalls die Gelegenheit, für ihre Sache zu werben und starteten regelrechte Greenpeace-Aktionen gegen Vodafone. Mal besetzen sie den Haupteingang der Düsseldorfer Zentrale, mal stellen sie einen Riesenschredder davor, um demonstrativ Vodafone-Verträge zu häckseln. Dann wieder verstopfen 30.000 Protestmails die E-Mail-Konten der Firma. Der Boykottaufruf wird sich vermutlich nicht sofort niederschlagen, schließlich pflegt man in der Branche die Kunden mit Zwei-Jahres-Verträgen zu knebeln. Aber auf Dauer kann so ein Imageschaden für eine Markenfirma teuer werden. Die ganze Affäre habe sich mittlerweile „in das Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt“, warnte der Markenfachmann Jürgen Häusler, Chef des renommierten Beratungsunternehmens Interbrand.

Insofern könnte es doch noch passieren, dass Vodafone irgendwann mal wieder zu den Verlierern gehört. Aber das wird Sie vermutlich nicht mehr interessieren. So ein echter Söldner wie Sie hängt sein Herz nicht an eine Firma. Schade wäre allerdings, wenn die Welt dadurch vollständig auf Ihre Aufklärungskampagnen verzichten müsste. Könnten Sie sich da nicht mal wieder was Neues einfallen lassen? Sie sind doch jetzt in der Pharmabranche. Da könnte man bestimmt einen tollen Skandal drehen, was meinen Sie? Vielleicht können wir das mal in irgendeiner Flughafen-Lounge vertraulich besprechen. Bis dahin,

 

beste Grüße aus dem Vodafone-bewegten Deutschland, Ihr

 

Harald Schumann

 



[i] Maroldt, Lorenz, Der Vodafone-Deal: Da ist doch was verrückt, Der Tagesspiegel, 8.6.2004

[ii] Lütge,Gunhild u. Rudzio, Kolja, Zerlegung auf Raten, Die Zeit, 4.9.2003

[iii] „Nur Klaus sagt Nein“, Der Spiegel, 29.11.1999

[iv] Keynes, John Maynard, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin, 1936, S. 134/35

[v] Stern, 22.4.2004

[vi] Hohmann-Dennhardt, Christine, Soziale Rechte sind keine Almosen, in: Frankfurter Rundschau, 12.7.2004

 

[vii] Poullain, Ludwig, Ungehaltene Rede, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.7.2004

[viii] Zurheide, Jürgen, Vodafone-Deal kostet den Steuerzahler Milliarden, Tagesspiegel, 5.6.2004

[ix] Wie das geht, ist nachzulesen bei Jarass, Lorenz und Obermair, Gustav M., Sinkende Steuerbelastung von Unternehmens- und Vermögenseinkommen, in: Wirtschaftsdienst, Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, 3.3.2004

[x] Bild-Zeitung, 9.6.2004

 

Carl Amery (Hrsg.),
Briefe an
den Reichtum,
Luchterhand Literaturverlag,
272 Seiten, 18 Euro

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