Hungerprofite

Nahrungsmittelspekulation und Landgrabbing – Kriterium III

Die Grenze zwischen der Absicherung eines Rohstoffkaufs oder -verkaufs und der rein profitgetriebenen Nahrungsmittelspekulation ist inzwischen nahezu fließend.

Wie Deutsche Bank, Commerzbank, Hypovereinsbank, Postbank, ING DiBa, Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen, GLS Bank, Triodos Bank, UmweltBank und EthikBank in diesem heiklen Feld agieren, stellen wir auf dieser Seite vor.

Wer sich noch tiefer in den Sumpf der Nahrungsmittelspekulation eingraben möchte, findet weitere Links am Ende der Seite. Alle, die aktiv gegen die Hungergeschäfte vorgehen möchten, werft einen Blick auf unseren AktionsaufrufHunger stoppen und unterzeichnet unsere Petition!

Geschäfte mit dem Hunger

Cintia Magnoli, Attac Mannheim

Die Finanzbranche weitet ihre Geschäftstätigkeit in immer weitere Bereiche aus. Die Immobilienkrise
ließ viele Anleger – vor allem die sogenannten institutionellen Anleger wie Pensionsfonds, Investementfonds, Banken, Versicherungen, Kirchen und Stiftungen – nach Ersatz- Profitmöglichkeiten suchen.

Viele entschieden sich für das Geschäft mit dem Hunger. In der zweiten Jahreshälfte 2007 legten viele Banken erstmals Agrarrohstoff-Fonds auf, mit denen ihre Kunden auf Preisentwicklungen am Markt der Nahrungsmittel wetten können. Schon 2008 wurden die Folgen sichtbar: Die  Lebensmittelpreise explodierten auch auf den Märkten für die physische Ware.

Für Menschen, die den größten Teil ihres Einkommens für unverarbeitete Nahrungsmittel aufbringen, begann damit eine Hungerkatastrophe. Das betraf und betrifft zum Beispiel die Armen in Mexico, die sich im Wesentlichen von Tortillas ernähren und das Maismehl nicht mehr bezahlen können. In mehr als 30 Ländern fanden Hungeraufstände statt, in Haiti wurde die Regierung gestürzt. Die Preissteigerungen sind nicht allein auf die Spekulation zurückzuführen, der neue Trend, Nahrungsmittel zu Treibstoff zu verarbeiten, spielt ebenfalls eine tödliche Rolle.

Weitere Faktoren wie zunehmende Nachfrage nach Milch- und Fleischprodukten und die ersten Auswirkungen des Klimawandels verschärfen die Situation. Das entschuldigt aber nicht, dass die Politik bislang keine Maßnahmen gegen Nahrungsmittelspekulation ergriffen hat.  Ende 2012 wird die europäische Finanzmarktrichtlinie reformiert. Hier könnte den Geschäften mit dem Hunger in der Europäischen Union ein Riegel vorgeschoben werden, allerdings hat sich die Bundesregierung bislang noch nicht klar dazu positioniert.

Über die Spekulation auf steigende Preise hinaus bieten etliche Banken inzwischen auch Landfonds an und verschärfen damit das Hungerproblem weiter. Als „Landgrabbing“, das Grabschen nach dem Land, kritisieren Menschenrechtsorganisationen den zunehmenden Handel mit teilweise neu konstruierten Landrechten, der immer häufiger zu brutalen Vertreibungen führt. Für die Exportpflanzen werden viele Millionen Liter Wasser verbraucht – egal ob vor Ort bereits Wassermangel herrscht oder nicht. Internationale Großbanken investieren darüber hinaus in weltweit operierende Agrarkonzerne. Diese verschärfen mit Gentechnik, Industrialisierung in der Landwirtschaft sowie großflächigem Anbau von „Energiepflanzen“ die Not der Armen noch.

UNTER DER LUPE

Deutsche Bank

Foto der unanständigen Werbung für einen Agrarrohstoff-Fonds der Deutschen Bank auf einer Brötchentüte

Zusammen mit Goldman Sachs leistete die Deutsche Bank internationale „Pionierarbeit“ zur Einführung von Indexfonds im Agrar-Bereich. 2008 kritisierte Attac die Werbung der Bank auf Brötchentüten in Frankfurter Bäckereien öffentlich.

„Freuen Sie sich über steigende Preise?
Partizipieren Sie an der Wertentwicklung von sieben der wichtigsten Agrarrohstoffe!“

Nach unserer heftigen Kritik zog die Bank die Werbung zurück, Ackermann entschuldigte sich, aber dieser und weitere Agrarrohstoff-Fonds der Bank blieben im Angebot. Die Deutsche Bank bietet Agrarfonds auf vielen Wegen an:

Auch wenn DWS, x-trackers, DB premium oder Power Shares drauf steht, ist Deutsche Bank drin. Die meisten Deutsche Bank-Fonds sind in Luxemburg und Delaware angesiedelt - auch in diesem Geschäft bauen die Banken auf die Diskretion der Schattenfinanzplätze. Über den Investmentfonds-Bereich DWS hat die Deutsche Bank auch Landkäufe im Angebot. Einer der vielen Zweck- und Tochtergesellschaften der Deutschen Bank ist Altima Partners, ein Hedgefonds mit einem Volumen von 625 Millionen Euro, der über Farmen in Lateinamerika und Osteuropa verfügt und die Expansion nach Afrika plant.

Ein weiteres Beispiel ist der „DWS Global Agricultural Land and Opportunities Fund (GALOF)“, nach Auskunft der Deutschen Bank hält der Fonds Land in Australien und Afrika und soll nach Argentinien, Vietnam und Neuseeland ausgedehnt werden. Die Menschenrechtsorganisation FIAN veröffentlichte mehrere Studien zum Landgrabbing deutscher und internationaler Banken und Fonds.

Im März 2011 verkündete die DWS aufgrund massiven öffentlichen Drucks, die Geschäftsbeziehung zum thailändischen Zuckerkonzern KSL zu beenden, der in Kambodscha in die Vertreibung von über 400 Bauernfamilien verwickelt ist.

Commerzbank

Die Commerzbank gibt vierteljährlich das „Rohstoff-Radar“ heraus, in dem sie die Profitabilität von Rohstoff-Derivaten untersucht, auch im Bereich der Nahrungsmittel. Im November 2011 fasste sie den Entschluss, keine neuen börsennotierten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln mehr aufzulegen. Ende Juli 2012 nahm sie zudem sämtliche Agrarprodukte aus ihrem Rohstoff-Fonds ComStage ETF CB Commodity EW Index TR heraus. Eine positive Entwicklung, deren Vorbild hoffentlich noch weitere Großbanken folgen werden.

ING DiBa

Auch bei der ING Diba ist die Auswahl an Fonds groß, die meisten stammen von anderen Emittenten. Die Muttergesellschaft ING Groep gibt zwar Rohstoff-Fonds heraus, diese enthalten aber keine Agrarrohstoffe.

Volks- und Raiffeisenbanken

Wer hier nach Fonds fragt, bekommt ein breites Angebot. Eigene Agrarfonds hatte die DZ-Bank, die Zentralbank der Genossenschaftsbanken, im Angebot. In Luxemburg sind die Fonds UniCommodities und UniGarant Plus Commodities angesiedelt, jeweils etwas über 300 Millionen Euro stark und verwaltet von der ebenfalls genossenschaftlichen Union Investment als Fondsmanager.

Die DZ-Bank ließ im Januar 2013 verlauten, dass sie "mangels Kundeninteresse" keine neuen Agrarfonds auflegen werde. Im Mai 2013 folgte dann der nächste Schritt: Man wolle nun wirklich aussteigen, und lasse Wertpapiere auf Basis von Agrarrohstoffen 2013 auslaufen. Die Tochter Union Investment verzichte künftig auch auf Agrarrohstoff-Spekulation, bei der gäbe es aber noch zwei Fonds, deren Laufzeit bis 2016 bzw. 2017 festgelegt sei. Auch in diese Fonds fließe aber kein neues Geld mehr.

Sparkassen

Auch die Sparkassenfilialen bieten vielfältige Fonds verschiedener Anbieter an. „Selbstgemacht“ sind bei der Deka-Bank des Sparkassen-Verbandes zwei Luxemburger Fonds: die Deka-Commodities-Fonds mit rund 220 Millionen Euro.

Es handelt sich um zwei Mischfonds, die zu je 34,8 Prozent mit Agrarrohstoffen bestückt sind. Die Landesbank Baden-Württemberg gehört zu den wenigen, die ihre Rohstoff-Index-Fonds in Deutschland angesiedelt haben.

Allerdings hat die Deka Bank angekündigt, bis Ende 2012 aus den Preiswetten mit Nahrungsmitteln auszusteigen. Auch die Landesbank Baden Württemberg, die Zentralbank für Baden Württembergs Sparkassen, kündigte im Juni 2012 einen ähnlichen Schritt an.

GLS Bank, Triodos Bank, UmweltBank, EthikBank

Diese Institute lehnen die Investition in Agrarrohstoffe ab. Sie fördern gezielt ökologischen Landbau.

Unicredit (Hypovereinsbank)

Der Rohstoff-Experte der Unicredit/Hypovereinsbank, Jochen Hitzfeld, lässt sich gerne von Wirtschaftsredaktionen befragen. Er rät zum Kauf von Agrar-Indexfonds und ist überzeugt, dass es langfristig hohe Preise geben wird. Sein Institut bietet sodann auch mehrere Rohstoff-Fonds an, unter eigenem Namen und über die Fondstochter Pioneer SF in Luxemburg.

Postbank

Die Postbank gibt keine eigenen Agrarrohstoff-Fonds heraus. Im Angebot ist aber eine große Palette anderer Anbieter, unter anderem der neuen Konzernmutter Deutsche Bank.

Exkurs: Termingeschäfte für Rohstoffe

Rohstoffproduzenten sichern ihre Geschäfte oft auf den Finanzmärkten gegen Währungsschwankungen und Verlustrisiken ab. Inzwischen nutzen viele Investoren dieselben Instrumente für Wettgeschäfte oder als Wertanlage.

Inwieweit die Nahrungsmittelpreise 2008 auch spekulationsbedingt so heftig angestiegen waren, ist in der Finanz-Fachwelt noch umstritten, erscheint uns jedoch plausibel. Laut Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) lassen zudem institutionelle Anleger die Preise steigen, indem sie unabhängig von Angebot und Nachfrage direkt auf die Wertentwicklung von Rohstoffindizes setzen.

Die Finanzbranche ist somit für die Nahrungskrisen in importabhängigen Staaten wesentlich mitverantwortlich.

Mehr zum Thema

Fact Sheets und Präsentationen:
(kurz und knackig für Einsteiger)

Studien:

 Filme:

Artikel in Zeitungen:

Links zu Kampagnenseiten: