COP21: Die Giftzähne des Papiertigers

Klimagerechtigkeit muss gegen die Interessen der Konzerne durchgesetzt werden / ein Kommentar

16.12.2015

Nach Abschluss der Klimaverhandlungen herrschte am Samstag Feierstimmung in Le Bourget: 196 eigensinnige Vertragsstaaten haben sich nach jahrelangem zähen Ringen endlich auf gemeinsame Formulierungen einigen können. Der Preis für diese Einigung ist jedoch ein Abkommen, das so substanzlos geworden ist, dass es kein entschlossenes Signal aussendet, mindestens 80 Prozent der fossilen Reserven im Boden zu lassen. Dies wäre aber dringend nötig, um die schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung zu verhindern. Lidy Nacpil vom "Asian Peoples’ Movement on Debt and Development" (APMDD) fasst zusammen: "Die letzte Version des Klimaabkommens verurteilt uns zu noch mehr Todesfällen und zu noch mehr Zerstörung."

Das erwähnte 1,5-Grad-Ziel erfordert drastische Maßnahmen zur Emissionsreduktion, die aus dem Vertragstext nicht hervorgehen. Die freiwilligen Emissionsreduktionen, die die Staaten eingereicht haben, führen zu einer Erwärmung von 3 bis 4 Grad Celsius – das heißt in einen Zustand, der wiederum unabsehbare, katastrophale Veränderungen der Klimasysteme auslösen wird. In den Szenarien zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels wird mit negativen Emissionen kalkuliert: Dafür müssen technische Methoden angewendet werden, mit denen CO2 der Atmosphäre entzogen wird - etwa das hochumstrittene CCS (Carbon Capture and Storage). 

Das Prinzip des Netto-"Gleichgewichts" von Emissionen stärkt Kompensationsmechanismen und die Finanzialisierung von natürlichen  "Senken" wie Wäldern und Feuchtgebieten. Große Verschmutzer können damit ihre Emission schön rechnen. Der Papiertiger ist also nicht nur wirkungslos, er birgt auch die Gefahr, Risikotechnologien und marktbasierte Klimaschutzmaßnahmen ("False Solutions") massiv aufzuwerten, die Klimawandel nicht an der Wurzel bekämpfen und zudem oft desaströse soziale Folgen haben.  

Und die Verursacher des Problems haben Kreide gefressen und mischen sich mitten unter uns. Wirtschaftsbosse bezeichnen sich als "Aktivisten" und sprechen von "Transformation"; die Konzerne, die hinter Kohlekraftwerken und der Autoindustrie stehen, bieten grüngewaschene Lösungen an. Es gilt nun, wachsam zu sein und zu prüfen, welche Werte hinter verschiedenen Begriffen von "Klimaschutz" stecken. Geht es um Maßnahmen, die Gemeinschaften übergestülpt werden und Profit für einige wenige Konzerne generieren? Oder geht es um die  Bekämpfung von systemischen Ursachen von Ressourcenverbrauch, die das Allgemeinwohl und ein "Gutes Leben" für alle zum Ziel hat?
  
Es ist an der Klimabewegung, reale Klimagerechtigkeit durchzusetzen: mit dem Aufbau von alternativen Wirtschafts- und Lebensformen. Mit einem neuen Gesellschaftsentwurf, der ohne stetig steigende Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und Menschen ohne Lobby funktionieren kann, mit ungehorsamen Aktionen gegen extraktivistische Konzerne. Was Hoffnung macht: Der globale Widerstand wächst. Im Mai 2016 sind weltweit koordinierte Aktionen gegen fossile Infrastruktur geplant, darunter die Blockade eines Braunkohlebaggers in der Lausitz. Das 1,5-Grad-Ziel ernst zu nehmen, bedeutet, den sofortigen Kohleausstieg einzuleiten. Wenn dieses  Ziel mehr sein soll, als ein Piepsen des Papiertigers, braucht es massiven Druck von unten. Von uns.

Ein ausführlicherer Kommentar findet sich im Attac-Theorieblog. 

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