III Wachstum und Wachstumskritik

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel davon spricht, dass Wachstum nachhaltig sein müsse, oder der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble betont, Wachstum und Sparen stünden zueinander nicht im Widerspruch, dann tragen beide Aussagen zum nebulösen Charakter des Begriffs bei. Wachstum kennen wir in seiner ökonomischen Deutung, häufig gemessen im Bruttoinlandsprodukt (BIP). Als abstraktes Konzept trägt es (nicht nur bei Schüler_innen) vielfach zur Verwirrung bei und ist zugleich aus kaum einem Lehrplan von Fächern wie Politik, Wirtschaft oder Sozialkunde wegzudenken.

Was aber bedeutet es, wenn eine Wirtschaft (und Gesellschaft) wächst? Warum scheint es in der Berichterstattung meist eine Notwendigkeit für jede Volkswirtschaft, ihr Wachstum zu fördern? Ist Wachstum notwendig? Woher stammt die positive Konnotation des Wachsens und Fortschreitens? Was bedeutet es, wenn Politiker_innen unterschiedlicher Parteien auf die Suche nach Sektoren oder Branchen gehen, um diese als »Wachstumsmotor« zu identifizieren? Welchen politischen Effekt hat es beispielsweise, wenn Deutschland von der OECD im Bundestagswahlkampf 2017 ein positives Wachstum prognostiziert wird? Kurz: Was ist Wachstum überhaupt? Das Material in diesem Modul bietet eine erweiterte Einführung zum Thema Wachstum, indem es dieses nicht einfach hinnimmt, sondern es von den soziopolitischen Konsequenzen und von seinem unhinterfragbar erscheinenden Charakter aus betrachtet.

Das (westlich-liberale) Wachstumsparadigma trägt als Verheißung stets den allgemeinen gesellschaftlichen Wohlstand in sich. Doch besitzt unser Wachstum keine klaren Grenzen, sondern ist stets in die Maschen globaler Ökonomie verwoben. Wachstumsfördernde Maßnahmen, wie beispielsweise die europäischen Agrarsubventionen, sind damit nicht nur förderlich, sondern führen zur Verdrängung von Kleinbäuer_innen im Globalen Süden. Unser Wachstum geschieht damit auch auf dem Rücken der im Welthandel unterprivilegierten Gesellschaften.

Es spaltet jedoch ebenso die deutsche Gesellschaft, denn nicht jeder Sektor wächst gleichermaßen. So stellt die deutsche Automobilindustrie ihre Produktion zunehmend auf vernetzte und automatisierte Prozesse um, wodurch klassische Arbeitsplätze wie der des Maschinenführers der Industrie 4.0 zum Opfer fallen. Das gegenteilige Bild zeigt sich im Pflegesektor, der zwar ebenfalls wächst, für den der Arbeitsmarkt aber nicht genügend Arbeitnehmer_innen bereithält um der Nachfrage nach guter Pflege zu genügen. Durch die erhöhte Lebenserwartung boomt die Branche, doch es herrschen prekäre Arbeitsverhältnisse.

Schließlich sind wir aufgrund jahrzehntelangen Wachstums aber auch vor ökologische Konsequenzen gestellt. Die steigende Nachfrage nach günstigen Massenprodukten hat in den letzten zwei Jahrhunderten zu einer massiven Ausweitung der Industrieproduktion geführt, deren ökologische Effekte uns als schmelzende Polkappen oder jährliche tropische Wirbelstürme begegnen. Zugleich kommt es aufgrund des monokulturellen Anbaus von Nutzpflanzen wie Reis, Soja oder Raps zur Ausdünnung biologischer Diversität und damit zum Verschwinden zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Europäische Landwirte führten zur Bekämpfung von Schädlingen und zur Steigerung ihrer Erträge asiatische Marienkäfer ein, die mittlerweile einheimische Arten an den Rand der Ausrottung gebracht haben.

Das vorliegende Material versucht die aktuellen Debatten um das Wachstum einzufangen und  Gegenkonzepte vorzustellen. Wachstum soll damit seiner Alternativlosigkeit enthoben werden. Vertreter_innen der Green-Economy oder der Postwachstumsökonomie kommen daher ebenso zu Wort wie Anhänger_innen eines klassischen Wachstumsverständnisses.

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