II Konkurrenz oder Kooperation?

Die Frage des Eigentums ist im Kapitalismus zentral und daher auch permanent umstritten. Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist die Geschäftsgrundlage der Unternehmen, die ihre Produktion oder Dienstleistung an den erwarteten Verkaufsaussichten auf dem Markt ausrichten und im Erfolgsfall den Profit für die Eigentümer_innen einstreichen.

Inwieweit »die Unternehmer_innen« dafür auf der anderen Seite auch das gesamte Risiko tragen, darüber lässt sich streiten. Öffentliche Subventionen, die marktbeherrschende Stellung von Kartellen und Großkonzernen, die durch immer weitere Megafusionen vorangetrieben wird, oder die Vergesellschaftung von Verlusten wie in der Bankenkrise lassen die Unternehmer_innen mit kleinen und mittleren Betrieben eher als ideologisches Feigenblatt denn als Kern der Wirtschaftsweise erscheinen. Ganz davon abgesehen, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung lohnabhängig arbeitet und im Pleitefall meist existenzielleren Risiken ausgesetzt ist als die Besitzer_innen des Unternehmens oder das Management von Aktiengesellschaften.

Eine historische Voraussetzung für die Durchsetzung des Kapitalismus war die weitgehende Zerstörung der Allmende, also des gemeinschaftlichen Eigentums (zum Beispiel an Weiden, Wald oder Fischbeständen). Zum einen wurde damit der Grundstein für das Privateigentum gelegt, zum anderen wurden die enteigneten und verarmten Bauern nach und nach in Lohnarbeit gezwungen. In den vergangenen beiden Jahrzehnten wurde der Gedanke des Gemeineigentums meist unter dem englischen Begriff der Commons neu diskutiert. Anlass dazu gaben nicht zuletzt die mit der Digitalisierung verbundenen Möglichkeiten des kostenlosen Teilens von Wissen, die erst durch die künstliche Verknappung in Form geistiger Eigentumsrechte unterbunden werden.

Das gemeinschaftlich genutzte Eigentum ist im Kapitalismus nahezu verschwunden. Permanent umstritten bleibt dagegen, welche Sektoren in Form von öffentlichem Eigentum organisiert werden sollen. Infrastruktur und Dienstleistungen in den Bereichen Verkehr, Energie, Bildung, Gesundheit, Telekommunikation und anderes mehr waren und sind vielfach staatlich organisiert.

In den letzten Jahrzehnten standen all diese Bereiche allerdings unter großem Privatisierungsdruck. Die Reorganisierung unter dem Primat privater Profitinteressen ging vielfach mit einer enormen Preissteigerung – mitunter bei schlechteren Leistungen – einher. Zudem gibt die Gesellschaft mit der Privatisierung die Möglichkeit der demokratischen Kontrolle auf. Zwar wird Staatseigentum nicht zwangsläufig demokratisch kontrolliert, auch hier können Klientelismus und Korruption Einzug halten. Aber es bietet immerhin prinzipiell die Möglichkeit demokratischer Kontrolle, die mit der Privatisierung verschenkt wird.

Die Spannungsfelder zwischen Privatisierung und Vergesellschaftung oder auch zwischen Privateigentum und Gemeineigentum berühren daher immer auch die Frage, nach welchen Organisationsprinzipien die entsprechenden Sektoren und einzelnen Betriebe organisiert werden. Sollen individuelle Nutzenmaximierung und Konkurrenz als Triebkräfte herrschen (wobei Konkurrenz stets zur Konzentration neigt)? Oder sollen die Herstellung von Gütern und die Erbringung von Dienstleistungen kooperativ und demokratisch organisiert werden?

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