Kapitalismus – oder was? Über Marktwirtschaft und Alternativen

»Kapitalismus heute? Das steht nirgends auf dem Lehrplan. Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft? Das kommt nur gelegentlich vor. Beide sind aber individuell und kollektiv, gegenwärtig und zukünftig problemträchtige Themen. Beide konfrontieren nicht nur Gesellschaft und Politik mit drängenden Fragen, sondern auch die Lernenden: Wie will ich leben, wie kann ich leben, wie muss ich leben?« Dies schrieb Reinhold Hedtke in einem Blogbeitrag aus dem Jahr 2016.

Das vorliegende Bildungsmaterial »Kapitalismus – oder was? Über Marktwirtschaft und Alternativen« versucht die Lücke zu schließen, die der Bielefelder Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie beschreibt. Es ist so konzipiert, dass es an Lehrplanthemen wie »Soziale Marktwirtschaft« oder Marktformen anschließt, zugleich aber grundsätzliche Fragen zur Funktionsweise des Kapitalismus aufwirft und den Fokus auf die politische Gestaltbarkeit der Wirtschaftsordnung legt.

In diesem Zusammenhang werden auch ökonomische Alternativentwürfe – von Betrieb und Alltag bis hin zur Gesamtgesellschaft – vorgestellt, die in den vergangen Jahren in sozialen Bewegungen diskutiert und erprobt wurden. Denn der Vergleich unterschiedlicher Wirtschaftsordnungen, wie er in vielen Lehrplänen vorgesehen ist, wirkt selbst entpolitisierend, wenn er alleine anhand von gescheiterten historischen Systemen durchgeführt wird, statt mit Bezug auf die Probleme der heutigen Wirtschaftsordnung und auf aktuelle Ansatzpunkte zu ihrer Veränderung.

Es gibt kein Reich der Ökonomie jenseits politischer Entscheidungen. Insofern muss auch die herrschende Wirtschaftsordnung in der Bildungsarbeit als politisch gestaltete und veränderbare thematisiert werden. Doch »Schulen« - so noch einmal Reinhold Hedtke - »schweigen beharrlich über den Kapitalismus, dessen Geist [etliche] schulische Aktivitäten ausdrücken. Das ist Anti-Aufklärung par excellence – und das muss sich schleunigst ändern. Selbstverständlich ergebnisoffen, denn in demokratischen Gesellschaften ist es ausdrücklich erlaubt, den Kapitalismus und das kapitalistische Leben zu lieben. Dass dies erlaubt ist, gilt erst recht für die Schule und den Unterricht.«

Aber ebenso ist es in demokratischen Gesellschaften erlaubt, den Kapitalismus zu kritisieren, ihn abzulehnen und sich politisch für andere Formen von Wirtschaft und Gesellschaft einzusetzen. In diesem Sinne sollen die vorliegenden Materialien zu einem produktiven Dissens beitragen. Sie zielen auf Bildungsprozesse, in denen die Teilnehmenden über die ökonomische Verfassung unserer Gesellschaft streiten und sich darauf vorbereiten, die Positionen, die sie dabei entwickeln, als mündige Bürger_innen in demokratischen Prozessen zur Geltung zu bringen.

Das Material ist in vier Module gegliedert, die jeweils mit einer kurzen fachlichen Einführung und einem knappen didaktischen Kommentar zu den einzelnen Elementen beginnen.

In Modul I werden grundlegende Funktionsweisen der herrschenden Wirtschaftsweise spielerisch zugänglich gemacht und zentrale Begriffe wie Kapitalismus, Marktwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft kritisch analysiert.

Modul II steht unter der Überschrift »Konkurrenz oder Kooperation?« und thematisiert zunächst die Schattenseiten von Leitbildern wie dem Homo oeconomicus im Bereich der ökonomischen Theorie oder dem »unternehmerischen Selbst«, das in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend als gesellschaftliches Ideal propagiert wurde. Anschließend wird das Verhältnis von Privateigentum (an Produktionsmitteln) zu öffentlichem Eigentum und Gemeingütern behandelt.

Modul III behandelt die Problematik des Wachstumszwangs, der sich aus der systemischen Notwendigkeit ständiger Kapitalverwertung zwangsläufig ergibt und der ebenso zwingend an ökologische (und zugleich soziale) Grenzen stoßen muss.

Den Abschluss bildet das Modul IV »Tendenzen und Alternative«. Es besteht aus zwei inhaltlichen Teilen, die jeweils mit einem Vorschlag zur methodischen Rahmung versehen sind, deren Elemente aber auch einzeln eingesetzt werden können.

Am Anfang stehen acht Interviews mit prominenten Autor_innen aus sechs Ländern, die sich in den vergangen Jahren zur Spezifik des Kapitalismus, seiner aktuellen Entwicklung und möglichen Zukunftsszenarien geäußert haben: Alberto Acosta, Brigitte Aulenbacher, Klaus Dörre, Susan George, Jayati Ghosh, Ulrike Herrmann, Paul Mason und Robert Misik.

Die Interviews bilden eine Brücke zwischen den vorangegangen Modulen und der Frage nach möglichen Alternativen, die im Zentrum des zweiten Teils von Modul IV stehen. Hier werden sieben Konzepte aus der vielstimmigen gesellschaftlichen Diskussion um ökonomische Alternativen vorgestellt. Die Stichworte sind Postwachstumsökonomie, Vergesellschaftung, Care Revolution, Wirtschaftsdemokratie, Commons, Genossenschaften und partizipatorische Ökonomie.