Jutta Sundermann: Widersprüche und Widerstände. Kein Durchmarsch für die Agro-Gentechnik in Deutschland

Bis heute gibt es kaum Untersuchungen über die gesundheitlichen Risiken der landwirtschaftlichen Gentechnik. Trotzdem ist der kommerzielle Anbau in Deutschland seit einigen Jahren erlaubt. Die Anbaufläche ist noch sehr gering, wird jedes Jahr jedoch größer. Aber auch der Widerstand legt zu. Die nächsten Jahre sind von großer Bedeutung dafür, ob sich gentechnisch veränderte Nutzpflanzen in Deutschland werden durchsetzen können.

01.12.2007

Die junge Frau mit den schlammigen Schuhen überreicht den Polizisten am Rande eines Maisfeldes im Oderbruch eine Plastiktüte mit einem Maiskolben darin und der Aufschrift "Beweismittel", bevor ihr eine Beamtin Plastikhandschellen anlegt und sie auffordert, in den Polizeiwagen zu steigen. Die Aktivistin ist Gemüsegärtnerin aus Nordrhein-Westfalen. Sie arbeitet seit Jahren gegen Gentechnik in der Landwirtschaft und ist bereit, für ihren Widerstand und ihre Teilnahme an einer "Freiwilligen Feldbefreiung" im Juli diesen Jahres auch Verhaftung und Prozesse in Kauf zu nehmen. Deutlich ist: Der Widerstand gegen die Agro-Gentechnik ist auch in Deutschland entschiedener geworden und konnte einige wichtige Erfolge verbuchen. Die Gentechnikkonzerne haben mehr Ressourcen, lassen Beziehungen spielen und werben für Akzeptanz, aber sie überzeugen kaum, wie zahlreiche Umfragen zeigen: Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung wollen Gentechnik weder auf dem Acker noch auf dem Teller. Die Strategie der Konzerne und ihrer Unterstützer, Tatsachen zu schaffen und die umstrittene Saat auszubringen, hat zu einer ganzen Welle von Protesten geführt. Es geht um eines der drängendsten Argumente gegen die Gentechnik: Einmal ausgebracht lassen sich gentechnisch veränderte Organismen kaum wieder "einfangen", die Rückkehr zur gentechnikfreien Landwirtschaft ist irgendwann nicht mehr möglich.

Gesundheitsgefahren

Die größte Sorge der meisten Menschen gilt der Gesundheit: Studien weisen darauf hin, dass neue Genkombinationen neue Allergien bzw. erhöhte Risiken für allergische Reaktionen mit sich bringen. Es gibt bislang nahezu keine Langzeituntersuchungen, die verlässlich Auskunft über Gesundheitsauswirkungen geben können.

Ein Beispiel ist Mon810, ein gentechnisch veränderter Mais des Monsanto-Konzerns und zugleich die derzeit einzige in Deutschland für den kommerziellen Anbau zugelassene gentechnisch veränderten Nutzpflanze. Um die Larven des Maiszünslers zu bekämpfen, wurden in das Genom dieses Maises Erbinformationen des Bodenbakteriums Bacillus Thuringiensis (Bt) eingebaut, so dass er in jeder seiner Pflanzenzellen Bt-Gift produziert. Doch Mediziner beobachteten schwere Atemwegserkrankungen während der Ernte von Mon810-Mais auf den Philippinen. Das Bt-Gift ist zudem in der Milch der Kühe nachweisbar, die mit dem Mais gefüttert wurden. Wie es genau wirkt, ist erst ansatzweise bekannt. In Jena beobachteten Forscher bei Bienen eine Schwächung des Immunsystems, nachdem sie Bt-Mais-Pollen zu sich genommen hatten. Und das Bundesamt für Naturschutz untersuchte die Wirkungen des Bt-Maises auf Schmetterlinge und stellte fest, dass bei weitem nicht nur Larven des Maiszünslers betroffen sind. Der Monarchfalter wurde zum Symbol für "Nichtzielorganismen", also Kollateralschäden im Kampf der Agrarkonzerne um eine Technologie, in die viele Aktionäre sehr viel Geld investiert haben.

 

Das Märchen von der Koexistenz

Ein Risiko, das GentechnikgegnerInnen von Anfang an betonten, ist die Auskreuzung: Die Pollen gentechnisch manipulierter Pflanzen werden durch Wind und Bienen teilweise kilometerweit transportiert. Es ist nicht kontrollierbar, wo ihre verfälschten Erbeigenschaften weiter wirken. Die Gentechnikunternehmen bestritten diese Möglichkeit jahrelang vehement und brachten einen beschönigenden Begriff in die Debatte und sogar in Gesetzestexte ein: die Koexistenz. Demnach sollen Betriebe mit und ohne Gentechnik nebeneinander bestehen können.

Längst straft die Realität die Verfechter der Koexistenz Lügen: Auskreuzungen haben "Superunkräuter" hervorgebracht und massive Verunreinigungen von Feldern, deren Bebauer niemals selbst gentechnisch veränderte Pflanzen ausgebracht hatten. In den USA und Kanada ist es heute nahezu unmöglich geworden, Raps oder Soja noch gentechnikfrei anzubauen bzw. gentechnikfreies Saatgut zu erhalten. Seit Jahren warnen Umweltverbände und Anbauverbände vor den Folgen für den Ökolandbau: Wo Landwirte in der Nachbarschaft Gentechpflanzen anbauen, werden auch andere Felder in der Umgebung in Mitleidenschaft gezogen.

Gentechnik gefährdet die Artenvielfalt ganz direkt durch ihre oben beschriebenen "Nebenwirkungen". Die Biodiversität gerät aber auch indirekt in Gefahr: Damit sich die Investitionen der Gentechkonzerne rechnen und die hohen Renditeerwartungen der Anleger erfüllen, müssen die Unternehmen einmal zugelassene Pflanzen in ganz großem Stil in Umlauf bringen. Dumpingangebote und andere Tricks sollen zum Erfolg führen. Damit aber werden andere Sorten verdrängt.

Zu spät für Gegenwehr?

Wie viel Gentechnik ist eigentlich schon drauf auf dem Teller, drin im Supermarktregal und vor allem, draußen auf den Feldern? Wer diese Frage versuchsweise in einer Schulklasse oder einer Fußgängerzone stellt, hört meistens eine große Bandbreite von Antworten, von "ist eh‘ alles schon Gentechnik" bis "gibt es doch noch gar nicht". Die Gentechnik-Befürworter freut diese Verunsicherung: Wer jede Aufregung für verfrüht hält, wird genauso wenig aktiv werden wie die, die resigniert annehmen, es wäre sowieso zu spät.

Dabei macht eine konkrete Antwort auf die Frage deutlich, dass heute genau der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist. In dem Konflikt ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Es werden auf einigen Flächen gentechnisch manipulierte Pflanzen angebaut, aber der Widerstand konnte schon wichtige Erfolge erringen, ein Durchmarsch der Agrogentechnik ist noch zu verhindern.

Die Gesetzeslage – ein Spiegelbild des Konfliktes

Das Gentechnikgesetz von 2004 hat den Weg für den kommerziellen Anbau gentechnisch manipulierter Pflanzen geebnet. Im Jahr 2005 kam es zur ersten großflächigen Aussaat von Genmais durch Landwirte in Ostdeutschland. Trotz des Gesetzes, dessen Verabschiedung durch eine entsprechende Vorgabe der EU forciert wurde, ist jedoch vieles noch nicht entschieden. Der Bauernverband beispielsweise empfiehlt seinen Mitgliedern bis heute, vom Anbau Abstand zu nehmen. Er verweist auf die recht strengen Haftungsregeln und die Skepsis der VerbraucherInnen.
Wer Gentechpflanzen anbauen will, muss seinen Plan drei Monate vor der Aussaat bekannt geben und wird ins Standortregister eingetragen. 2005 meldeten Landwirte vor allem aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern den Anbau von rund 1.000 Hektar Bt-Mais an.
In diesem ersten Jahr zogen zwei Drittel der "Gentech-Pioniere" ihre Anmeldungen wieder zurück. Im Jahr darauf wurde mehr angemeldet und verhältnismäßig weniger zurückgezogen – rund 1.000 Hektar Anbaufläche waren die Bilanz. 2007 wurde die 2.000-Hektar-Marke erreicht.
2.000 Hektar Genmais sind 2.000 Hektar zu viel – aber sie stellen noch keine flächendeckende Kontamination dar. In der Bundesrepublik wird auf insgesamt 1,7 Millionen Hektar Mais angebaut. Mon810 wächst nahezu ausschließlich auf Feldern in Ostdeutschland, die Hälfte davon in Brandenburg.

Der Bt-Mais aus deutschem Anbau wird als Tierfutter verwendet. Die Firma Märka, Märkische Kraftfutter GmbH, verkauft das Monsanto-Saatgut an die Landwirte und kauft später die Genmaisernte auf. Damit Maisbauern in der Nachbarschaft der Gentechfelder nicht gegen die Anbauer des Mon810 klagen, bietet die Märka auf Weisung Monsantos an, deren Ernte komplett mit aufzukaufen.

Außer dem kommerziellen Anbau wächst es gentechnisch manipuliert auf diversen Versuchsfeldern: Agrarkonzerne, Universitäten, das Bundessortenamt und andere untersuchen Eigenschaften ganz verschiedener Gentechpflanzen. Zum Beispiel Kartoffeln, wie die vor der Zulassung stehende Amflora, mit besonderem Stärkegehalt oder Kartoffeln mit Proteinen des Cholerabakteriums zur Herstellung eines Impfstoffes gegen die Kaninchenpest. Die Universität Rostock führte 2006 Versuche mit Genraps durch, einer Pflanze, deren Auskreuzungsfreude in der
Gießen experimentiert die Universität mit Gengerste, in Gatersleben, in unmittelbarer Nähe zur wichtigsten Genbank für zahlreiche Pflanzensorten, wurde ein Versuch mit Genweizen durchgeführt.

Gentechnik-Politiker spüren Gegenwind

Angela Merkel setzte sich persönlich dafür ein, die Förderung der Agrogentechnik in den Koalitionsvertrag der großen Koalition aufzunehmen. Ihr Landwirtschaftsminister Horst Seehofer nahm sich denn auch gleich nach Amtsantritt vor, einige Erschwernisse für einen Durchbruch der Gentechnik in der Landwirtschaft aus dem Gesetz seiner Vorgängerin zu entfernen. Die Haftungsregelung, die letztlich den Anbauenden haftbar macht, sollte verwässert werden, das Standortregister, das den Befürwortern zu viel Öffentlichkeit bedeutet, sollte nicht länger öffentlich sein usw. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Wolfgang Böhmer, wollte sein Bundesland zur führenden Gentechnikregion Deutschlands machen.

Es ist leiser geworden um die großen Pläne der Gentechkanzlerin. Und Ministerpräsident Böhmer informierte inzwischen, dass Sachsen-Anhalt die Gentechnikförderung zurückstufe, da die Erfolge mäßig seien. Auch Horst Seehofer hat von einigen Wünschen seiner ersten Dienstwochen Abstand genommen. Die bayrischen CSU-Bauern haben ihren Teil dazu beigetragen. Sie wollen weder verfälschte Produkte noch einen Konzern, der versucht, sie an die kurze Leine zu nehmen.

Das Gentechnikgesetz wird noch immer überarbeitet. Das Standortregister soll bleiben, die Haftung auch. Trotzdem ist der aktuelle Entwurf sehr problematisch. Die geplanten Abstandsregelungen sind völlig ungenügend und können durch "nachbarschaftliche Absprachen" auch noch unterlaufen werden.

Alarmierende Studien über die Auswirkungen von Mon810, öffentlicher Druck und eine schwer fassbare Nachlässigkeit Monsantos haben den Bundeslandwirtschaftsminister veranlasst, im April 2007, kurz nach der Aussaat des Genmaises, das Inverkehrbringen des Saatgutes zu untersagen. Derzeit wird ein Monitoringplan, in dem Monsanto künftig verbesserte Kontrollen des Genmaises darlegen soll, in Berlin geprüft.
Ebenfalls aus dem Jahr 2004 stammt die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Enthält ein Produkt zu mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile, muss dies auf der Packung notiert sein. Ausgenommen von der Kennzeichnungspflicht sind jedoch tierische Produkte: Fleisch und Eier, Milch und Milchprodukte sind nicht kennzeichnungspflichtig, wenn die Tiere mit Gentechfutter ernährt wurden.

Während im Supermarktregal bis heute kaum gentechnisch veränderte Cornflakes oder Gemüse zu finden sind, ist Gentechfutter in der Tierhaltung sehr verbreitet. Bauern, die kein gentechnisch verändertes Soja im Futtertrog haben wollen, müssen sich schon intensiv kümmern und ihre Genossenschaft unter Druck setzen, damit diese solches erst einmal beschaffen.

Widerstand wirkt

Der Kampf gegen die Agrogentechnik ist noch nicht entschieden. Heute besteht die Chance, den Anbau von Mon810 im kommenden Jahr zu verhindern. Monsanto muss mit seinem Monitoringplan in Berlin überzeugen und in Brüssel die Wiederzulassung der Sorte durchbringen, da die alte Genehmigung abgelaufen ist. Es ist zu erwarten, dass es auch hier einiges an Druck auf die Verantwortlichen braucht, die schon so oft schnell zugunsten der Gentechlobby entschieden haben. Die Initiative Gendreckweg, die schon mehrere öffentliche Feldbefreiungen organisiert hat, sammelt bereits wieder Absichtserklärungen von Menschen, die im Falle der Wiederzulassung von Mon810 im kommenden Jahr den Pflanzen auch auf dem Acker entgegentreten wollen. Viele Organisationen und Initiativen organisieren den Widerstand auf vielen verschiedenen Ebenen. 167 mal in Deutschland haben sich Bauern, KonsumentInnen und/oder Verbände zu gentechnikfreien Regionen zusammengeschlossen und halten fast eine Million Hektar gentechnikfrei. Greenpeace glänzt nicht nur vor den Kameras mit fotogenen Aktionen, sondern mobilisierte wirksam die Macht der KonsumentInnen. Seit Jahren veröffentlicht die Organisation einen Einkaufsführer über Essen ohne Gentechnik. Das A6-Heftchen ist zum Politikum geworden. Immer wieder entscheiden sich Einzelhandelsunternehmen und Produzenten dafür, lieber einen positiven Eintrag im Greenpeace- Einkaufsratgeber haben zu wollen, als mit gentechnisch veränderten Produkten zu experimentieren.

Ein breites Bündnis von Nichtregierungsorganisationen bietet mit der "Bantam-Mais-Kampagne" eine streitbare und symbolkräftige Mitmachmöglichkeit: Tausende wurden schon zu Mini-Mais-AnbauerInnen und brachten Bantammais im Balkonkasten aus. Die Kampagne machte damit deutlich, dass weit mehr Menschen als die Berufsmaisbauern ihr Feld, und sei es noch so klein, gegen Genmais verteidigen würden.

Das Münchener Umweltinstitut sammelte in kurzer Zeit mehr als 30.000 Unterschriften gegen den Anbau von Genweizen in Gatersleben und konnte die Genehmigung zwar nicht verhindern, aber breit skandalisieren. Die bevorstehende Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über biologische Vielfalt, die COP9 im Mai 2008 in Bonn, wird eine Gegenkonferenz erleben mit vielen Aktivisten gegen die Gentechnik aus aller Welt.

Jutta Sundermann ist Mitbegründerin von Attac in Deutschland und aktiv in der Kampagne "Gendreck-weg – Freiwillige Feldbefreiung" (www.gendreck-weg.de). Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift inkota.

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