Georg Rammer: Revolte und Würde

"Auf dem Abdel-Monem-Riad-Platz in Kairo schiebt sich ein Mann langsam in seinem klapprigen, alten Rollstuhl voran. Zwischen seine Schenkel hat er einen Topf schwarzer Farbe geklemmt. Mühsam beugt er sich herunter, um den Bordstein anzustreichen.

28.02.2011

Er kommt nur langsam voran. Den Bürgersteig zu verschönern ist sein Beitrag zur ägyptischen Revolution. Noch vor wenigen Wochen hat er sich an einer der Kreuzungen an den Reihen der wartenden Fahrzeuge entlanggeschoben, um bei Rot an deren Fenster zu klopfen und ein wenig Geld zu erbetteln. Heute lächelt er und antwortet auf die kurze Frage, was er denn da mache, mit einem kurzen: 'Das ist jetzt mein Land.' Dann taucht er den Pinsel wieder ein und beugt sich in Zeitlupe wieder herunter.' (Aus einem Bericht aus Kairo von Karim El-Gawhary, taz, 14.2.11)

Das, was die Menschen in Tunesien und Ägypten geschafft haben, verändert nicht nur das Gesicht des Landes, sondern auch ihr eigenes. Sie machen die fundamentale Erfahrung, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Verhältnisse ändern zu können – und sich dabei auch. Von den griesgrämigen, gebückten Erduldern werden die Menschen zu mutigen, aufrechten, solidarischen Bürgerinnen und Bürgern. Sie, die vorher Opfer waren, entdecken ihre Würde und sie verhalten sich würdevoll. Auch die jungen, die keinen anderen Herrscher als Mubarak erlebt haben, seine Clique und seinen Apparat der Unterdrückung (und Freund unserer Wertegemeinschaft).

Menschenwürde: So schwer der Begriff zu definieren ist, haben Menschen doch ein sicheres Gefühl dafür, was Würde bedeutet. Es gehört eine Menge Energie, Unterdrückung und Täuschung dazu, Menschen dazu zu bringen, sich würdelos zu verhalten. Die effizienteste Methode ist, schon Kindern das Bewusstsein und das Gefühl einzugeben, dass sie wertlos sind und dass sie an ihrem elenden Schicksal nichts ändern können. Schließe Kinder aus, demütige sie, nimm ihnen das Selbstbewusstsein, versage ihnen Zuwendung und Respekt: Sie werden zu gesetzlosen Gewalttätern oder zu stumpfen Opfern.

Auch Staaten mit einer (formal) funktionierenden parlamentarischen Demokratie und expliziten Grundrechten, die aber nicht real gelten, können die Bevölkerung dazu bringen, die wichtigsten menschlichen Werte wie Autonomie und Empathie, Selbstachtung und Respekt aufzugeben, ja sie nicht einmal mehr als Wert zu empfinden. Die effizientesten Methoden sind Förderung der Ungleichheit, die Erhebung von Konkurrenz und Egoismus zum allgemeinen Prinzip des Zusammenlebens und die Erklärung all dessen, was diesem System dient, zum alternativlosen Naturgesetz.

Die Menschen, die gemäß dieser normierten Regeln beeinflusst werden, verhalten sich allmählich wie die Versuchstiere in behavioristischen Laborexperimenten: Auch bei schmerzhaften Stromstößen unternehmen sie nicht einmal mehr den Versuch, der Situation zu entkommen – geschweige denn sie zu ändern. Diese erlernte Hilflosigkeit, diese Opferhaltung ist die beste Garantie dafür, dass sich diese Menschen gegen nichts mehr wehren – zumal ihnen erfolgreich suggeriert werden konnte, dass sie selbst schuld sind an ihrer Armseligkeit.

Armut und der Verlust von sinnvoller, selbst gewählter Tätigkeit, die das gute Leben einer Familie sichern könnte, führen zu diesem Zustand. Die Betroffenen erleben ihn als Verlust an Selbstbestimmung, an Kontrolle über das eigene Leben, als Ohnmacht und Demütigung. Es ist ein sehr zweifelhafter Erfolg eines solchen Systems, dass die "Opfer" nicht gegen ihre Unterdrückung und ihre Unterdrücker revoltieren, sondern ihr Schicksal duldend hinnehmen, mit Resignation und Apathie.

Indem die staatliche Hilfe nicht darin besteht, die Ursachen der Ungleichheit zu beseitigen, die Menschen zu emanzipieren und ihre Rechte tatsächlich zur Geltung zu bringen, vielmehr darin, gerade mal so viel an Almosen zu verteilen, dass die Betroffenen nicht in ihrer Existenz bedroht sind, bestätigt und verstärkt sie nur die Beschämung, die Abhängigkeit und die Apathie. Gewähre ihnen Almosen, beschäme sie, verhindere die Entdeckung, dass es immer mehr Menschen so geht – dann ist die Herrschaft der Profiteure auf Dauer sicher.

Gefährdet ist die Herrschaft allenfalls von innen. Denn die wachsende Zahl von Opfern des Systems ist bedrohlich. Einerseits sind die Kinder, die als Objekte von Fürsorge, Almosen und Jugendhilfe aufwachsen, ein hoher Kostenfaktor. Ihre Arbeitskraft fehlt der Wirtschaft und außerdem bedrohen sie auf Dauer die Glaubwürdigkeit eines "demokratischen Rechtsstaates", schaffen Legitimationsprobleme. Andererseits weckt die Aufspaltung in Gewinner und Verlierer auch bei denen Ängste, die vorher ganz gern mitgemacht und davon profitiert haben. Statt sich als Schmied ihres Glücks sehen zu können, erleben sie sich plötzlich als potentielle Opfer.

"Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen." (Stéphane Hessel: Empört euch!)

Die stärkste Überraschung in der Revolte ist die Entdeckung der eigenen Kraft: Ich kann etwas bewirken! Von mir hängt etwas ab! Sobald die Apathie und die Angst überwunden sind, entsteht der Mensch neu. Die Erfahrung der eigenen Initiative und Aktivität lässt eine neue, eine "würdevolle" Identität entstehen. Während sich vorher die Unterdrückung in allen alltäglichen Verrichtungen, in der Art, sich zu bewegen, in allen Äußerungen der Psyche gezeigt hat, spiegelt sich nun die Selbstbefreiung in so vielen Situationen und Handlungen, dass sich die Handelnden geradezu neu erleben – und neu erschaffen.

Die Revolte beginnt oft im Kleinen, unscheinbar und quasi nebenbei. Wer etwa "Rhythm is it!" gesehen hat, konnte verfolgen, wie die Erfahrung von Respekt und von Selbstwirksamkeit bei Jugendlichen etwas elementar Neues zu schaffen vermochte: Offenheit, Selbstachtung, Sensibilität für sich und andere. Wer die Bürgerinnen und Bürger erlebt hat, die sich in Stuttgart gegen das ständige Belogenwerden erhoben haben und den Machtspielen und Intrigen der Herrschenden ihre Wut entgegenschleuderten, der bekommt eine Ahnung davon, was möglich ist in der Revolte: Bereicherung und Erweiterung. Selbstfindung und Selbstbestimmung.

In der ägyptischen Revolution verändert sich die ganze Gesellschaft. Zum Beispiel die Rolle der Frau. Karim El-Gawhary beschreibt aus Kairo (taz, 10.2.11), was die Männer dazu sagen, z.B. Konservative wie der 40-jährige Abdel Gawad Haggag, der der islamistischen Muslimbruderschaft angehört. "Seit elf Tagen ist er auf dem Platz, hat ihn gegen die Schläger verteidigt. Nachts schläft er vor den Panzerketten, damit die Armee den Spielraum der Demonstranten nicht einengen kann. An diesem Morgen führt er Besucher gut gelaunt über den Platz. Auf die Frage, wie er sich in den letzten Tagen als Muslimbruder persönlich verändert habe, denkt er länger nach. 'Ich habe immer gedacht, Frauen könnten nur bestimmte Berufe ergreifen', beginnt er zu antworten. In den letzten Tagen habe er aber gesehen, wie mutig die Frauen Seite an Seite mit den Männern den Platz gegen die Schläger verteidigt, Steine auf diese geworfen und die Verletzten abtransportiert hätten. 'Heute bin ich davon überzeugt', sagt er, 'dass Frauen alles können.'"

Georg Rammer ist Mitglied von Attac Karlsruhe

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