" />

Alexis Passadakis: "Every day is a big day." Ägypten, das Militär und die Klassenfrage

"Inzwischen ist völlig klar: Wir hatten mehr Rechte und Freiheit unter Mubarak als unter dem SCAF", twitterte die ägyptische Aktivistin @fazerofzanight aka Shahira Abouellail im August inmitten des Ramadans. SCAF bedeutet Supreme Council of the Armed Forces und ist das Machtzentrum der Militärdiktatur.

13.09.2011

Sie wurde nach dem Sturz von Machthaber Mubarak installiert. Während des Fastenmonats waren keine neuen Massenproteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo geplant, aber der Kampf gegen die vor allem durch die Armee betriebene Konterrevolution geht weiter.

Etwa 12000 Ägypter wurden seit Februar vor Militärgerichte gestellt und viele zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – ohne Appellationsmöglichkeit. Folter häufig inbegriffen. Einige, weil sie bei Protesten festgenommen wurden, andere, weil sie die Streitkräfte kritisiert haben. Manche waren schlicht beim Einkaufsbummel zur falschen Zeit am falschen Ort und wurden einfach mitgenommen.

Shahira Abouellail, 32, ist eine der treibenden Personen der Kampagne No MilitaryTrials – Keine Militärprozesse! Nach einer Veranstaltung in Kairo sitzt sie später am Abend im Foyer des Gebäudes der Journalistenvereinigung auf der Kante eines tiefen Sessels. Der Körper angespannt, die Unterarme auf die Knie gestützt. Das iPhone, die Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug liegen in Griffweite. Ihr Blick ist konzentriert und direkt. In jedem Satz schwingt mit, dass es ihr um viel geht:

"Der SCAF, er ist das Spiegelbild des alten Regimes. Mit den Verhaftungen versucht er, unsere Revolution zu stehlen. Unsere Kampagne heißt NoMilitary-Trials. Wir versuchen herauszufinden, wer in den Gefängnissen gelandet ist, wann Verfahren stattfinden. Einige Rechtsanwälte können in die Gefängnisse hereinkommen, dort bekommen sie dann Listen mit weiteren inhaftierten Aktivisten zugesteckt. Es ist wie ein Schneeballsystem, so wissen wir, wer inhaftiert wurde. Inzwischen haben wir Tausende von Namen. Dann können wir Beschwerde einreichen und juristische Betreuung organisieren.

Wir sammeln Zeugenaussagen. Die verbreiten wir über Twitter, über Blogs und machen Youtube-Clips und Pressekonferenzen. Wir arbeiten uns Schritt für Schritt vor, um die Hegemonie des Militärs in der Öffentlichkeit zu brechen. Wir sind nur eine Handvoll Leute, aber unsere Arbeit ist sehr effektiv."

Bisher streitet der Militärrat in seinen regelmäßig auf seiner offiziellen Facebookseite veröffentlichen Statements den politischen Charakter der Verhaftungswellen ab. Die Generäle behaupten, dass lediglich Kriminelle vor Militärgerichte gestellt werden, die wegen bewaffneten Überfalls oder Vergewaltigung angeklagt werden. Dass Soldaten übermäßige Gewalt oder Folter anwenden, wird ins Reich der Phantasie verwiesen:

"Zu Beginn gelang es uns kaum, in die großen Medien gekommen. Aber das gelingt uns zunehmend besser. Es war und ist ein Problem, dass wir bei dem Sturz Mubaraks keine große Zeitungsredaktion oder Fernsehsender besetzt haben. Das würde uns jetzt helfen. Trotzdem sind wir inzwischen relativ mächtig. Ich denke, der SCAF ist wegen der Informationen, die wir veröffentlichen, sehr nervös."

Die Wahrnehmung der Kampagne ist inzwischen beträchtlich. Seit Anfang August hat Yousri Fouda, Anchor beim Sender ON TV, damit begonnen, Videoclips von Journalisten und Bürgern, die Vorfälle von Folter durch die Armee dokumentieren, in ihr Programm aufzunehmen. Inzwischen haben sich sogar die Jugendorganisation der Muslimbrüder und diverse liberale Parteien ablehnend gegenüber den Militärgerichtsverfahren positioniert:

"Es passiert jeden Tag sehr viel, jeder Tag bringt etwas völlig Neues: Every day is a big day. Was die Armee mit den Aktivisten macht, ist oft sehr hart. Aber es ist wichtig zu wissen, dass Folteropfer nicht wegen ihrer Vergehen ausgesucht werden, sondern wegen ihres sozialen Status. Gefoltert werden vor allem Leute aus ärmeren Schichten, die keine Ressourcen haben sich zu wehren. Das Militär sucht sich die Hilflosen aus. Es ist eine Klassenfrage. Die Militärs verstehen auch nicht, dass sich Leute wie wir aus der Mittel- und Oberschicht um die Gefolterten kümmern. 'Was interessieren euch diese Leute?', haben sie uns gefragt."

Der größte Teil der Aktivisten vom Tahrir-Platz ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sehr viele leiden unter post-traumatischen Stressstörungen. Viele müssen Tod, Verletzungen oder Folter verkraften. Oft müssen sie unter Zeitdruck schwerwiegende Entscheidungen treffen. "Das ist die neue Normalität", erklärt Shahira Abouellail.

"Als ich noch ins College gegangen bin , war ich aktiv und ging zu Demos. Aber diese wurden immer von der Polizei zerschlagen. Es hat zu nichts geführt. Es war immer das Gleiche. Politisch habe ich mich dann für lange Zeit zurückgezogen. Bis zum Januar. In den ersten Tagen nach dem Start der Massenproteste am 25. war ich euphorisiert, viel hoffnungsvoller als jetzt. Aber ich bin weiter optimistisch.

Ich arbeite an der Uni, in der Verwaltung und mache dort Lehrpläne. Fast bin ich entlassen, worden, weil ich auch während der Arbeitszeit aktiv bin. Denn ich habe das zentrale Handy der Kampagne und das benutze ich auch während der Arbeitszeit. Es ist mir egal, wenn sie mich entlassen. Darauf nehme ich keine Rücksicht. Mit dem Beginn der Proteste in den Januartagen ist die Realität in unser Leben eingeschlagen: Reality has hit. Vielen ist inzwischen klar, das der Sturz Mubaraks noch nicht die Revolution war. Stattdessen sind wir in einem revolutionären Prozess. Es wird ein lebenslanger Kampf bleiben. Aber es gibt gerade dieses window of opportunity. Deshalb agiere ich zur Zeit weit jenseits meiner physischen Kräfte. Oft läuft mein Tag so ab, dass ich höchstens vier Stunden schlafe. Um 5.30 Uhr muss ich aufstehen – ich brauche anderthalb Stunden für meinen Weg zur Arbeit."

Ein Anruf reißt Shahira aus ihrem routinierten Redefluss. Zuvor wurde sie vier Tage lang von einem britischen Fersehteam begleitet, das eine Reportage über Frauen in der ägyptischen Revolution dreht. "Ehrlich gesagt, habe ich nicht ganz verstanden, was sie von mir wollten. Die Revolution mache ich nicht als Frau, sondern als Staatsbürgerin. Auf dem Tahrir-Platz spielte das Geschlecht keine Rolle – es ging um universelle Prinzipien.

"Ja, ich versuche mich zu entspannen. Aber ich weiß, dass es wirkliche Ruhe erst dann geben wird, wenn dieses Fenster sich geschlossen hat. Dann werde ich mir einen langen Urlaub nehmen. Es gibt ein paar gute Freunde um mich herum, die nicht direkt in das involviert sind, was ich tue. Die passen ein wenig auf mich auf. Ich wurde schon geschlagen, bei einer Veranstaltung waren Provokateure. Sie haben Stühle nach mir geworfen. Durch den Hinterausgang bin ich geflüchtet. Mit einem Kopftuch, um draußen nicht erkannt zu werden.

Meine Mutter hasst, was ich tue. Sie hat Angst um mich. Aber sie ist auch gegen die Armee. Für eine Frau aus ihrer Generation ist das schon bemerkenswert. Meine Geschwister unterstützen mich, sagen aber auch, dass ich nicht zu weit gehen soll. Viele Freunde schicken mir unterstützende SMS. Das hilft.

Im übrigen gibt es verschiedene Positionen, wie wir mit dem Militär umgehen sollen. Einige sprechen von Verhandeln. Ich denke, man muss attackieren. Für mich gibt es da keine Wahl. Ich erkennte den SCAF nicht an. Er ist nicht gewählt und daher nicht legitim. Ich gebe nicht nach. Ich werde nicht aufhören, bis sie aufgehört haben."

Aufgezeichnet von Alexis J. Passadakis. Er ist Mitglied im Koordinierungskreis von Attac. Dieser Artikel erschien zuerst am 13. September 2011 in der Zeitschrift Lunapark21.

Zur Übersicht