Alexis Passadakis: 99 Prozent. "Occupy" im Paradies des Vorpolitischen

"Occupy" sorgt für Wirbel. Eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der "Occupy"-Gruppe im Frankfurter DGB-Haus in dieser Woche stand kurz vor dem Abbruch, als Gewerkschafter aus dem Publikum lautstark das Fahnenverbot bei den Samstagsdemos anprangerten: Seit 1945 hätte es das nicht mehr gegeben. Die institutionalisierte Arbeiterbewegung prallte heftig auf – ja wen eigentlich? – die 99 Prozent?

12.11.2011

Eine zentrale Ursache des wechselseitigen Unverständnisses, was Organisationsform und Symbolverwendung angeht, liegt in der unterschiedlichen Konstruktionsweise kollektiver Identität. Während für die globalisierungskritische Bewegung ab Ende der 90er Jahre noch das "Netzwerk"-Paradigma verwendet wurde, begreift sich "Occupy" als "Schwarm".

Die globalisierungskritische Bewegung versuchte nach dem Epochenbruch 1989/90, emanzipatorische Politik zu rekonstituieren, indem Zerfallsprodukte der sozialen Bewegungen der 70er/80er Jahre und neue Akteure als Knotenpunkte zu einem Netzwerk verknüpft wurden. Dabei standen diese für historisch tradierte Politikansätze oder gesellschaftliche Interessenlagen: Dritte-Welt-Gruppen, gewerkschaftliche Strukturen, Umweltaktivisten usw. Ganz anders der "Schwarm", diese biologistisch-technische Metapher der Internetkultur: Die gemeinsame Identität, das "Wir" von "Occupy", ist nicht Resultat gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern lediglich die Summe vieler Individuen (User). Diese artikulieren "Meinungen" und sind nicht Repräsentanten sozialer Positionen. Deshalb kommt der Protest tendenziell so eigenartig "unpolitisch" daher. Denn tatsächlich fällt es vielen von "Occupy" schwer, die eigenen Meinungsäußerungen als gesellschaftlich bedingt und somit als ideologisch zu durchschauen. Statt dessen erscheinen sie als natürlicher Ausdruck des Alltagsverstandes: "Wir sind normale Menschen", lautet eine wichtige Grundannahme von "Occupy". Insofern empfinden sich die Beteiligten als mit den "99 Prozent" identisch. Diese "ideologische Vermenschlichung" (Slavoj Zizek) der eigenen Sprechposition kollidiert folgerichtig mit anderen Gruppenidentitäten und ihren Symbolen, deren soziale Rollen kaum erkannt werden – denn "eigentlich" sind alle Teil der "99 Prozent".

Die "Occupy"-Gruppen befinden sich mit dieser Selbstillusion durchaus auf der Höhe der Zeit. Sie sind Erfolgsergebnis neoliberaler Atomisierung der Gesellschaft. Andererseits birgt diese Haltung zugleich das Potential eines radikalen Humanismus und globalen solidarischen Egalitarismus. Immerhin lauten die meistgerufenen Slogans bei den Samstagsdemos in Frankfurt am Main "Hoch die Internationale Solidarität!" und "A-Anti-Anticapitalista!".

Selbst wenn die "vorpolitische" "99 Prozent"-Harmonie Kopfzerbrechen bereitet: Mit dem Aktionstag am 15. Oktober hat der neue Bewegungszyklus einen globalen symbolischen Raum geöffnet. Diesen gilt es durch linke Akteure zu nutzen.

Dieser Kommentar erschien am 12. November 2011 in der Tageszeitung "Junge Welt". Alexis J. Passadakis ist Mitglied im Rat von ATTAC.

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