Finanzmarkt: Auch gestreutes Risiko bleibt riskant

Anatomie und Eskalation der Subprime-Krise


Von Christoph Scherrer
(Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac)


Finanzkrisen gehören so langsam zum Alltag wie konjunkturelle AbkĂŒhlungen. Die jĂŒngste Krise, die sog. Subprime-Krise, reiht sich in eine lange Liste von fehlgeschlagenen Spekulationen seit der Lockerung von Bankenaufsicht und Kapitalverkehrskontrollen in den 1970er Jahren ein: die Schuldenkrise Lateinamerikas (1982), die US-amerikanische Sparkassenkrise (1986), die japanische Bankenkrise (1992), die mexikanische Peso-Krise (1994), die Asienkrise (1997), die Argentinienkrise (2000), die Technologiewertekrise (2000).

Der Eindruck entsteht, als ob die Akteure der FinanzmĂ€rkte nicht dazu lernen könnten. Der Eindruck tĂ€uscht, sie lernen stĂ€ndig dazu, was sich in den stĂ€ndigen „Finanzinnovationen“ zeigt. Nur die Psyche scheint nicht mithalten zu können, sie fĂ€llt immer wieder auf die durch ihre eigene Erwartungshaltung erzeugten Trends herein, sei es der vermeintliche Siegeszug der New Economy oder die stetig steigenden GrundstĂŒckspreise.

Da sich die Krisenursachen immer wieder Ă€hneln, will ich nur kurz auf die besondere Form dieser neuesten Krise eingehen. Vornehmlich will ich den interessanteren Fragen nachgehen: Welcher Schaden ist entstanden? Wer soll dafĂŒr aufkommen? Und wie kann ein Wachstumseinbruch verhindert werden?

Vorweg – ich werde nicht Kassandra spielen. Einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft halte ich fĂŒr wenig wahrscheinlich. Die vorausgesagten Verluste bis in Höhe von 400 Mrd. US-Dollar sind beachtlich, doch im VerhĂ€ltnis zum Bruttoinlandsprodukt der USA stellen sie gerade 3% dar, ein vergleichbarer Anteil wie damals die Sparkassenkrise, und nicht einmal halb so umfangreich wie die japanische Bankenkrise, allerdings gemessen am dortigen Bruttoinlandsprodukt. Beide Krisen zeitigten erhebliche Folgen fĂŒr die betroffenen Wirtschaften (und deren Handelspartner), doch stellten sie nicht die Systemfrage.

Der Krisenauslöser: Die „Subprime“- Hypotheken

Der Begriff „subprime“ ist selbst fĂŒr die USA neu. Bis vor ca. zehn Jahren hießen Kredite an Personen, die als nur eingeschrĂ€nkt kreditwĂŒrdig galten, „belowprime“. Gehörte man zu dieser Gruppe unterhalb der guten, d.h. sicher zurĂŒckzahlenden Kunden, dann gab es keine Kredite von regulĂ€ren Banken. Im Falle von Hypotheken galt diese Regel sogar fĂŒr ganze Stadtteile, die auf den StadtplĂ€nen der Banken rot umrandet wurden („redlining“) und deren Bewohner keine Hypotheken auf ihre HĂ€user aufnehmen konnten. Neu benannt als Subprime- Kreditnehmer, standen ihnen in den letzten Jahren plötzlich Hypotheken zu – zunĂ€chst – sehr gĂŒnstigen Konditionen zur VerfĂŒgung. So erreichte der „amerikanische“ Traum vom HĂ€usle auch Menschen mit bescheidenen Einkommen und geringer Arbeitsplatzsicherheit.

Wie kam es zu diesem Paradigmenwechsel? Zwei Stichworte genĂŒgen: Portfolio und Verbriefung. Wie im Falle der Schrottanleihen von Unternehmen (Junk Bonds) in den 1980er Jahren entdeckten clevere Finanzanalysten, dass insgesamt das Ausfallrisiko von Hypotheken geringer BonitĂ€t nicht besonders hoch ist. BĂŒndelt man entsprechend viele solcher Hypotheken, dann verteilt sich das Risiko, es wird zu einer statistischen GrĂ¶ĂŸe, die zudem von den Kreditnehmern als Risikoaufschlag abverlangt werden kann. Werden in dieses BĂŒndel noch Hypotheken mit guter BonitĂ€t gelegt, dann sinkt das Risiko fĂŒr das gesamte BĂŒndel noch weiter (Portfolio- Strategie). FĂŒr eine Bank mindert sich das Risiko zusĂ€tzlich, wenn sie dieses BĂŒndel nicht im eigenen Tresor behĂ€lt, sondern dieses einer eigens dafĂŒr gegrĂŒndeten Zweckgesellschaft ĂŒbertrĂ€gt, die auf diese BĂŒndel in gestĂŒckelter Form Anleihen begibt („verbrieft“). FĂŒr die KĂ€ufer der Anleihen ist dann nĂ€mlich das Risiko noch geringer, denn wenn sie nur einen Teil des ursprĂŒnglichen BĂŒndels erwerben, können sie es mit anderen Finanzmarktprodukten in ihrem eigenen Portfolio vermischen. Mithin wird das Risiko gestreut und entsprechend können die Ausleihestandards gelockert, grĂ¶ĂŸere Risiken eingegangen werden.

Die Nachfrage fĂŒr diese Finanzinnovation erhielt in den letzten Jahren aus mehreren Richtungen einen gewaltigen Schub. Zum einen suchten die vom New-Economy- Boom gebrannten Investoren nach neuen Anlagemöglichkeiten. Hypotheken sahen gegenĂŒber High-Tech-Aktien sicher aus, zumal GrundstĂŒckspreise seit Jahrzehnten in den meisten Regionen der USA nur eine Richtung kannten, nĂ€mlich nach oben. Zum anderen senkte die US-Notenbank zur Abwendung einer Rezession im Gefolge des Zusammenbruchs der New Economy die Leitzinsen zwischenzeitlich sogar auf ein Prozent. Dies erlaubte nicht nur den erwĂ€hnten Subprime-Schuldnern Hypothekenkredite aufzunehmen, sondern insbesondere den besser verdienenden Haushal- ten, womit ein regelrechter Hausbauboom entfacht wurde. Die mit dem Boom einhergehenden steigenden Immobilienpreise minderten wiederum das Risiko des Kreditausfalls, denn sollte den Kreditnehmern plötzlich was passieren, so konnte das beliehene Haus verkauft werden und bei steigenden Preisen sogar mit Gewinn. Dies erlaubte die weitere Lockerung der Ausleihstandards, angetrieben von der Konkurrenz unter den Banken und Hypothekenvermittler.

Wie immer am Ende eines Booms kam noch kriminelle Energie hinzu. Subprime-Kreditnehmer wurden mit niedrigen Anfangszinsen gelockt und bewusst ĂŒber die spĂ€teren ZinsaufschlĂ€ge getĂ€uscht. 2005 und 2006 sollen US-Finanzdienstleister 3.200 Mrd. Dollar an Hypothekendarlehen ausgegeben haben -rund 20% an Kunden geringer BonitĂ€t.

Der Kriseneinbruch kam keinesfalls ĂŒberraschend. Namhafte Ökonomen wie Paul Krugman, Robert Shiller oder auch das Vorstandsmitglied der US-Notenbank Edward Gramlich haben vielfach gewarnt. Doch selbst nach ersten deutlichen Krisenzeichen erhöhte sich noch der Verkauf von Subprime-Hypotheken. Besonders in die Kritik kam der legendĂ€re Notenbankchef Alan Greenspan, der 2004 das Entstehen einer Immobilienblase abstritt. Allerdings, hĂ€tte Greenspan im Wahljahr 2004 die Blase anerkannt, dann hĂ€tte dies wohl aufgrund seiner Reputation den Boom vorzeitigt abgebrochen und damit auch die Wiederwahlchancen seines Parteifreundes Bush vermindert. Entsprechend lax fiel auch die Aufsicht ĂŒber das HypothekengeschĂ€ft aus, zumal die Innovationen auf den FinanzmĂ€rkten so komplex wurden, dass die Aufsichtsbehörden praktisch auf eigene Risikoanalysen verzichtet haben (zumal sie aufgrund des Lohnniveaus im öffentlichen Dienst die entsprechenden Experten nicht halten konnten) und stattdessen den Analysen der Risikonehmer vertrauten.

Der Kriseneinbruch kam, als die Verlangsamung der Immobilienpreiserhöhungen und steigende Zinsen dazu fĂŒhrten, dass die Zahl ernster ZahlungsversĂ€umnisse krĂ€ftig anstieg. In der Folge geriet mancher Fonds selbst in Zahlungsschwierigkeiten.

Gestreutes Risiko – zerstreutes Vertrauen

Die Risikostreuung funktionierte. Die HypothekenausfĂ€lle trafen nicht die Banken, sondern die KĂ€ufer der Fondsanleihen. Allerdings waren manche Banken selbst als KĂ€ufer dieser Anleihen aufgetreten, haben nicht alle Subprime-Hypotheken an die Zweckgesellschaften weitergereicht, hatten gegenĂŒber diesen Zweckgesellschaften Garantien ausgestellt oder haben aus ReputationsgrĂŒnden RĂŒcknahmegarantien ausgesprochen. Entsprechend trafen Verluste auch Banken.

Das eigentliche volkswirtschaftliche Problem war allerdings nicht vorhergesehen worden, nĂ€mlich eine spĂŒrbare ZurĂŒckhaltung der Banken, sich gegenseitig Geld zu leihen. Damit erhöhte sich der Zinssatz fĂŒr Kredite selbst fĂŒr sog. gute Kreditrisiken, wodurch die Krise des Hypothekenwesens auch Bereiche der Volkswirtschaft jenseits des Bauwesens erreichte. Im Nachhinein wurde deutlich, dass mit der teilweisen Verlagerung von Risiken zu Nichtbanken Transparenz verloren ging. Die Banken können untereinander nicht einschĂ€tzen, welche tatsĂ€chlichen Risken eingegangen wurden und halten sich entsprechend bei der Kreditvergabe untereinander zurĂŒck. Dieses Misstrauen wurde durch unerwartete Milliardenverlusten bei solch renommierten InvestmentbankhĂ€usern wie Bear Stearns im Sommer 2007 genĂ€hrt. In Folge wird die LiquiditĂ€t im Finanzsystem empfindlich einschrĂ€nkt.

Allerdings wurden nicht alle Banken Opfer dieser Risikostreuungsstrategie. Laut dem Kolumnisten Ben Stein der New York Times hat sich beispielsweise das Bankhaus Goldmann Sachs gegen Kursverluste der von ihm angepriesenen Hypothekenanleihen dadurch gesichert, dass es gleichzeitig SpekulationsgeschĂ€fte fĂŒr erwartete Kursverluste abgeschlossen hatte. DafĂŒr erhielt der Goldman-Chef Lloyd Blankfein den höchsten je an der Wallstreet gezahlten Jahresbonus von knapp 68 Mio. US-Dollar. Ein anderer Hedge-Fonds, Paulson, der ebenfalls auf sinkende Preise fĂŒr Hypothekenanleihen gesetzt hatte, soll laut Handelsblatt an der Subprime-Krise rund 12 Mrd. Dollar verdient haben.

 

Abschreibungen in Folge der Kreditkrise

Kreditinstitut/Unternehmen

Abschreibung in Euro

USB – Schweiz

6,8 Milliarden

Merrill Lynch

5,7 Milliarden

Citigroup

5,7 Milliarden

Deutsche Bank

2,2 Milliarden

JP Morgan Chase

1,1 Milliarden

Goldman Sachs

1,0 Milliarden

Landesbank Baden-WĂŒrttemberg (LBBW)

800 Millionen

Swiss Re

734 Millionen

Morgan Stanley

639 Millionen

Dresdner Bank

575 Millionen

WestLB

355 Millionen

SachsenLB

351 Millionen

Commerzbank

291 Millionen

Postbank

61 Millionen

Quelle: Spiegel Online v. 10.12.2007

 

Nun rĂ€tseln die Experten ĂŒber das „wahre“ Ausmaß der Krise. Dies zu ermitteln grenzt an Spekulation, da es vom zukĂŒnftigen Verhalten der Marktteilnehmer abhĂ€ngt, wie viele Immobilien notverkauft werden mĂŒssen, wie rasch dadurch die Immobilienpreise sinken (-4,5 % im Oktober 2007 gegenĂŒber Vorjahr), und ob diese Wertverluste auch zu NotverkĂ€ufen von anderen Vermögenswerten fĂŒhren, die dann weitere MĂ€rkte in Mitleidenschaft ziehen. Im Vergleich zur High-Tech-Blase von 2000 handelt es sich bei der Baubranche um einen deutlich kleineren Teil der Wirtschaft. Entsprechend liegt das Hauptaugenmerk auf dem Verhalten der KonsumentInnen. Da die steigenden Immobilienpreise die Aufnahme von Hypotheken auch fĂŒr andere langlebige KonsumgĂŒter erhöht hatten, wird im Umkehrschluss vermutet, dass die KonsumentInnen bei fallenden Immobilienpreisen, steigenden Hypothekenzinsenund drastischen Ölpreiserhöhungen ihren Konsum einschrĂ€nken werden. Erste Anzeichen sind erkennbar, Politik und Notenbanken versuchen gegenzusteuern.

Krisenmanagement: Finanzakteure genießen PrioritĂ€t

Das Krisenmanagement fokussiert auf den Erhalt des Finanzsystems und die Vermeidung einer Rezession. Es belÀsst dabei den Finanzakteuren weitgehend ihre SpielrÀume (mit Ausnahme strafrechtlicher Untersuchungen) und schenkt den eigentlichen Opfern der Krise, den Menschen die, ihre HÀuser verlieren, noch wenig Aufmerksamkeit.

Die US-Notenbank, die US-amerikanische Federal Reserve (Fed), senkte die Leitzinsen bewusst in Reaktion auf die Krise zweimal im Laufe 2007. Die Zinsentlastung insbesondere der KonsumentInnen soll die Konjunktur am Laufen halten. Diese Politik birgt Inflationsgefahren, was die EuropĂ€ische Zentralbank davon Abstand halten ließ (s.unten).

ZusĂ€tzlich senkte die Fed ihre eigenen Ausleihstandards an Banken, um diese mit ausreichend LiquiditĂ€t zu versorgen und damit zahlungsfĂ€hig zu halten. Die Banken werden somit fĂŒr ihr riskantes Verhalten nicht bestraft. Die Kurse der AktienmĂ€rkte zeigen nach jeder LiquiditĂ€tsspritze nach oben. Wer trĂ€gt die Kosten dieser LiquiditĂ€tsspritzen? Seit dem 12. Dezember 2007 erlaubt die Fed auch Hypothekenanleihen als Sicherheiten. Somit kommt die Fed eventuell selbst fĂŒr AusfĂ€lle auf. Wissend, dass die Notenbank im Notfall bereitsteht, könnten sich die Finanzakteure zudem in der Zukunft noch riskanter verhalten („moral hazard“).

Gerade vor dem Hintergrund der Moral-Hazard-Debatte bemĂŒht sich das US- Finanzministerium, die Banken stĂ€rker in die Verantwortung zu nehmen. Es drĂ€ngt diese, einen Rettungsfonds zu finanzieren, der herunter gestufte Anleihen aufkaufen und so die Banken von ihren Risiken befreien soll. Ziel ist die Verhinderung eines ruinösen Schnellverkaufs der beliehenen Sicherheiten, der die Marktpreise noch mehr herunter zieht. Die Banken zögern bislang jedoch, da aufgrund der bestehenden Intransparenz der Risikoverteilung unklar bleibt, wie die Last zwischen ihnen verteilt werden soll. Zudem befĂŒrchten sie, dass das von ihnen dem Fonds zur VerfĂŒgung gestellte Geld aufgezehrt wird.

Stattdessen versuchen einige grĂ¶ĂŸere Ban- ken im Alleingang ihre BonitĂ€t wiederherzustellen, und zwar durch große Verlustabschreibungen, die durch Aufnahme neuer AktionĂ€re kapitalmĂ€ĂŸig ausgeglichen werden. Die neuen AktionĂ€re, die bis zu 10% des Aktienkapitals der Banken erworben haben, sind vor allem Fonds in der Hand nicht bzw. beschrĂ€nkt demokratischer Staaten wie China, Singapur und Abu Dhabi. Ob diese sich dadurch zu „SchnĂ€ppchenpreisen“ in die Zitadellen des westlichen Kapitalismus eingeschlichen haben, oder umgekehrt an den Kosten der Krise beteiligt werden, wird sich erst in Zukunft herausstellen. Noch ist ein Ende der Krisenausweitung nicht in Sicht. Mittlerweile wird befĂŒrchtet, dass Versicherungen ĂŒber die Kreditausfallversicherungen von der Krise betroffen werden könnten. Dies könnte sich auf die Banken wiederum negativ auswirken.

Mangelnde Aufsicht vor allem der Hypothekenmakler trug wesentlich zur Ausweitung der Subprime-Krise bei. Doch trotz Paul Krugmans Skandalierung dieses Missstandes als „Marktexperiment am lebenden Körper“ sind konkrete Regulierungsmaßnahmen noch nicht erkennbar. Schließlich könnte die Ausweitung der Krise durch Hilfeleistungen an die ĂŒberschuldeten Hausbesitzer verhindert werden. Allein im Oktober 2007 wurden ĂŒber 200.000 Zwangsversteigerungsverfahren eingeleitet. Subprime-Hypotheken wurden fĂŒnfmal mehr in schwarzen als in weißen Wohngegenden verkauft – entsprechend ĂŒberproportional sind schwarze HausbesitzerInnen gefĂ€hrdet. Neben den emotionalen Kosten entstehen finanzielle Belastungen. Laut einer Studie fĂŒr den US- Kongress werden die Betroffenen im Durchschnitt mit 7.200 Dollar, die Hypothekenbanken mit 50.000 Dollar, und die Gemeinden mit 19.227 Dollar belastet. DemgegenĂŒber sollen Maßnahmen zur Verhinderung der Zwangsversteigerung, wie z.B. Zinskappungen, nur ungefĂ€hr 3.300 Dollar pro Haushalt kosten.

Da Schwarze zwar ĂŒberproportional, aber nicht allein von dem Verlust ihrer HĂ€user bedroht sind, ist der Schutz der sĂ€umigen Hypothekenschuldner Wahlkampfthema geworden. PrĂ€sidentschaftskandidatin Hillary Clinton fordert bspw. ein 90-Tage- Moratorium fĂŒr Zwangsversteigerungen und eines von fĂŒnf Jahren auf ZinssĂ€tze. Die Bush-Regierung antwortete mit einem Ă€hnlichen Programm, das aber lediglich eine Festschreibung der ZinssĂ€tze unter sehr restriktiven Bedingungen vorsieht. Bereits sĂ€umig gewordene Hypothekennehmer bleiben ausgeschlossen.

Risiko gestreut – weiter als gedacht

Die Krise zeigte sich auch an solch unwahrscheinlichen Orten wie Narvik in Norwegen und DĂŒsseldorf, dem Sitz der staatseigenen IKB Deutsche Industriebank. Die guten Renditen der Subprime- Hypotheken lockten die BĂŒrgermeisterin des hoch im Norden liegenden StĂ€dtchens genauso wie die VorstĂ€nde der IBK. Resistent gegenĂŒber den Lehren vergangener Fehlspekulationen (z.B. der hessischen Landesbank HELABA in den 1970er Jahren) und im Widerspruch zu ihren eigentlichen Aufgaben, erlag manche öffentliche Bank Deutschlands den Verlockungen des schnellen Geldes. Im Falle der SachsenLB haftet nun der sĂ€chsische Landeshaushalt in Höhe eines Sechtels seines Gesamtumfangs. So werden nicht nur Steuergelder aufs Spiel gesetzt, sondern auch die Idee eines öffentlichen, demokratischer Kontrolle ausgesetzten Bankensektors desavouiert, der gerade zu den krisenhaften Marktspekulationen eine Alternative darstellen könnte.

Dass es diese unvermuteten Institutionen traf, beweist den Erfolg der Risikostreuung. Es bestÀtigt aber auch die alte Börsenwahrheit, dass man selbst verkaufen sollte, wenn der eigene Butler anfÀngt, Aktien zu kaufen. Der hohe Anteil europÀischer Banken ist mit dieser Weisheit gut zu erklÀren: Die EuropÀer kamen auf dem US-Markt spÀter an, kannten sich schlechter aus und mussten die höheren Risiken eingehen, um Marktanteile zu gewinnen.

Die hohen Verluste an unvermuteten Orten schĂŒrten das Misstrauen der Banken untereinander, mit der Folge eines ungewöhnlich starken Anstiegs der RisikoaufschlĂ€ge am Interbankenmarkt. FĂŒr Deutschlands FinanzstabilitĂ€t sah der VizeprĂ€sident der Bundesbank, Franz-Christoph Zeitler, En- de November 2007 bei der PrĂ€sentation des FinanzstabilitĂ€tsberichts 2007 allerdings nur geringe Gefahren, denn „weite Teile des deutschen Bankensystems sind aufgrund ihrer GeschĂ€ftsstruktur von den Finanzmarktturbulenzen wenig bis gar nicht betroffen“. Selbst eine Kombination aus steigenden Finanzierungskosten, höherer Wechselkurse und eines Konjunkturabschwungs in den USA begrĂŒnde „bei plausibler Kalibrierung der Schocks kein Rezessionsszenario in Deutschland“. Kurz nach diesen pflichtgemĂ€ĂŸen Beschwichtigungen beteiligte sich jedoch die EuropĂ€ische Zentralbank (EZB) an der erwĂ€hnten LiquiditĂ€tsspritze der Fed vom 12. Dezember in einer konzertierten Aktion mit anderen Notenbanken, der ersten gemeinsamen Aktion seit der Reaktion auf die Al-Kaida- AnschlĂ€ge auf New York und Washington. Ein deutliches Zeichen, wie ernst der Vertrauensverlust an den FinanzmĂ€rkten genommen wird.

Die EZB zog aber bisher nicht bei Leitzinssenkungen mit. Dadurch wird sich der Wertverfall des US-Dollars fortsetzen, zumal höhere Zinsen vor den PrĂ€sidentschaftswahlen im November 2008 unwahrscheinlich sind. Der fallende Dollar passt zu den Handelsbilanzdefiziten und externalisiert vor allem die Kosten der Subprime- Krise. Die Kreditgeber der USA, allen voran die Wirtschaftssubjekte der ÜberschusslĂ€nder China, Japan und Deutschland mĂŒssen Wertverluste, gemessen an Anlagen in anderen WĂ€hrungen, hinnehmen. Werden sie dies auf Dauer akzeptieren? Wie wahrscheinlich ist es, dass der US-Dollar seinen Weltgeldstatus verliert und die USA sich nicht mehr in der eigenen WĂ€hrung verschulden können? Trotz Konkurrenz durch den Euro ist es unwahrscheinlich, dass die chinesische Zentralbank ihr FremdwĂ€hrungsdepot zugunsten des Euro umschichtet. Sie wĂŒrde zum einen die Talfahrt des US-Dollars beschleunigen und dabei die bei ihr noch vorhandenen Dollar-Reserven entwerten. Zum anderen wĂŒrde sie sich mit dem wichtigsten Absatzmarkt fĂŒr chinesische GĂŒter anlegen.

Insgesamt ist das Krisenmanagement noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten. Ein Skandal bleibt, dass die Krisenauslöser aus SystemerhaltsgrĂŒnden geschont werden. Es ist an der Zeit, diese stĂ€rker zur Rechenschaft zu ziehen, die Möglichkeiten zur Spekulation einzudĂ€mmen, ihre Gewinne fĂŒr die gesellschaftlichen Risiken ihres Tuns stĂ€rker zu besteuern und öffentliche Mittel fĂŒr die sĂ€umigen Schuldner bereitzustellen, um an dieser Stelle den weiteren Wertverlust von Immobilien zu stoppen.

Prof. Christoph Scherrer ist Hochschullehrer fĂŒr Globalisierung und Politik an der UniversitĂ€t Kassel, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac und Mitherausgeber des Informationsbriefes Weltwirtschaft und Entwicklung (W&E)
 

Hinweise

  • Fender, Ingo/Peter Hördahl, 2007: Overview: markets hit by renewed credit woes, in: BIS Quarterly Review, December, Bank for International Settlements: Basel, 1-17.
  • Michaud, François-Louis/William Nelson, 2007: Central bank actions in response to the turmoil in money markets, BIS Quarterly Review, December, Bank for International Settlements: Basel, 12-13.
  • US Congress, Economic Committee, 2007: Sheltering Neighborhoods from the Subprime Foreclosure Storm, Senator Charles E. Schumer (D-NY) – Chairman, 11 April.

Empfohlene Zitierweise: Christoph Scherrer, Finanzmarkt: Auch gestreutes Risiko bleibt riskant. Anatomie und Eskalation der Subprime-Krise, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, W&E-Hintergrund Januar 2008 (www.weltwirtschaft- und-entwicklung.org)

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